Ein blinder Mann steht auf einer Brücke, grau wie ein Markstein namenloser Reiche. Rilke macht aus dieser unscheinbaren Großstadtfigur keinen bemitleidenswerten Bettler, sondern einen ruhenden Pol im Fluss des Lebens. Um ihn herum, so heißt es, „irrt und rinnt und prunkt“ alles; er selbst bleibt unbeweglich, stumm, blind – und wird gerade dadurch zur geheimnisvollen Mitte. Die zentrale Idee des Gedichts ist der Gegensatz zwischen der ruhelosen, glänzenden Oberfläche der modernen Welt und einer tieferen, stilleren Wirklichkeit, die sich in diesem blinden Mann verkörpert.
Die Form unterstützt diese Spannung. Das Gedicht besteht aus zehn überwiegend jambischen Zeilen, die sich zu zwei ungleichen Strophen ordnen: Die erste umfasst sechs, die zweite vier Verse. Reime wie „steht / geht“ und „Reiche / gleiche“ klammern die Aussage, während „Mittelpunkt / prunkt“ am Ende der ersten Strophe wie ein kurzer Paarreim den Kern des Bildes zuspitzt. Auch im Satzbau entsteht Bewegung: Der erste lange Satz fließt über die Zeilengrenzen hinweg und sucht den blinden Mann zu fassen, um ihn schließlich als „der Gestirne stiller Mittelpunkt“ zu benennen. Dann folgt ein gedrängter, wuchtiger Satz, der die übrige Welt beschreibt. Die drei Verben „irrt“, „rinnt“ und „prunkt“ wirken lautlich leicht und schnell wie die verstreichenden Eindrücke einer geschäftigen Menge. Das Prunken, das glänzende Sich-Zeigen, gehört dieser Oberfläche an, während der Blinde grau und namenlos bleibt.
Die Bildlichkeit ist voller Spannung. Der „Markstein namenloser Reiche“ verbindet das Irdische mit etwas Unbekanntem, fast Mythischem. Ein Markstein markiert eine Grenze, doch hier zeigt er in Reiche ohne Namen. Das Wort „vielleicht“ macht dabei deutlich, dass hier nicht behauptet, sondern gedeutet wird: Der Blick des Sprechers verwandelt den Blinden erst in eine mythische Figur. Der Blinde wird selber zu dem „Ding, das immer gleiche“, zu einem festen Punkt, um den von fern die Sternenstunde kreist. Das ist ein erstaunliches Bild: Ein Mann, der nichts sieht, wird mit der unsichtbaren Ordnung des Kosmos verbunden. Er ist nicht nur ein Teil der Stadt, sondern die Achse, um die sich selbst die Gestirne drehen. Gerade seine Blindheit scheint ihn von der Oberfläche zu lösen; während die Sehenden dem Irren und Rinnen verfallen, ist er der stille Mittelpunkt.
Die zweite Strophe verstärkt diese Wirkung. „Der unbewegliche Gerechte“ ist er, in viele wirre Wege hingestellt. Das Adjektiv „gerecht“ verleiht ihm eine fast religiöse Würde; er steht wie ein ordnender Punkt an einer Stelle, an der sich verwirrende Wege kreuzen. Dann folgt das dunkelste Bild: Er sei „der dunkle Eingang in die Unterwelt / bei einem oberflächlichen Geschlechte“. Die Unterwelt ist hier kein bloßer Schrecken, sondern eine Tiefe, die dem oberflächlichen Geschlecht fehlt. Der Blinde öffnet den Zugang zu einer Wirklichkeit, die man nicht sieht und nicht prunkend vorzeigen kann. So wird aus der Randfigur ein mythischer Bote, aus der Brücke ein Übergang zwischen Außen und Innen, Leben und Tod, Sichtbar und Unsichtbar.
Rilkes Gedicht, das in den Neuen Gedichten (1907) erschien, ist gerade deshalb so bedeutend, weil es kein soziales Mitleid sucht. Es verwandelt genaues Sehen in eine symbolische Vision. Was zunächst wie eine zufällige Straßenszene wirkt, wird zum Bild einer Welt, die ihren Mittelpunkt verloren hat – und ihn doch mitten auf einer Brücke, in einem blinden Mann, wiederfindet.