Ausgang — Gedichtanalyse

Theodor FontaneEftertänksam

Immer enger, leise, leise Ziehen sich die Lebenskreise, Schwindet hin, was prahlt und prunkt, Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben, Und ist nichts in Sicht geblieben, Als der letzte dunkle Punkt.

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«Immer enger, leise, leise» – die erste Zeile beginnt mitten in einem Vorgang, als wäre das Entscheidende schon lange unterwegs. Theodor Fontanes kurzes Gedicht «Ausgang» umkreist eine Erfahrung, die jeder kennt, aber selten so nüchtern ausgesprochen wird: das Schwinden der Lebensmöglichkeiten, das stiller wird, je weiter es fortschreitet. Der Titel gibt dabei die Richtung vor: Alles läuft auf ein Ende zu. Doch dieses Ende ist kein großes dramatisches Finale, sondern ein dunkler Punkt.

Fontane, einer der großen realistischen Erzähler des 19. Jahrhunderts, arbeitet auch in diesem lyrischen Text mit äußerster Knappheit. Die Lebenskreise, von denen die zweite Zeile spricht, sind ein genaues Bild: Kreise kann man nicht wie eine gerade Strecke ablaufen, sie umschließen etwas, sie können sich weiten oder zusammenziehen. Hier ziehen sie sich zusammen. Die Wiederholung von «leise» verstärkt das Unauffällige dieses Prozesses. Nichts kracht, nichts klagt – das Leben wird nicht abgebrochen, sondern verengt sich fast unhörbar.

Die Form unterstützt diesen Sog. Sechs Zeilen genügen, ein einziges Satzgefüge, das immer knapper wird. Der meist trochäische Rhythmus – «Immer enger, leise, leise», «Ziehen sich die Lebenskreise» – klingt wie ein ruhiger, gleichförmiger Schritt. Die letzte Zeile ist mit sieben Silben kürzer als die vorausgehenden achtsilbigen Verse und endet auf den einzelnen, betonten «Punkt». Damit bildet das Versmaß nach, wovon die Wörter handeln: Am Ende bleibt weniger Raum, weniger Klang, fast nur noch ein Auftreffen auf ein winziges Ziel.

Auch der Reim ist sprechend. Nach dem Paarreim «leise / Lebenskreise» folgt in den letzten vier Zeilen ein umarmender Reim: «prunkt» und «Punkt» rahmen «Lieben» und «geblieben» ein. Ausgerechnet das Prahlen und Prunken, das in der Welt nach außen glänzen will, wird klanglich an den letzten dunklen Punkt gebunden. Der Reim sagt damit dasselbe wie der Gedanke: Alles, was groß tut, mündet in etwas Winziges und Dunkles. Auch die drei großen Gefühlsmächte «Hoffen, Hassen, Lieben» verschwinden. Dass sie als Substantive nebeneinanderstehen, macht sie zu festen Größen des Lebens – und gerade diese Größen lösen sich auf.

Wichtig ist die Wortwahl des Sehens. «In Sicht» ist ein Ausdruck der Wahrnehmung: Was vor Augen liegt, zählt. Am Ende ist nichts mehr in Sicht außer einem Punkt. Dieser «letzte dunkle Punkt» bleibt rätselhaft. Er kann das Ende des Weges sein, der Ausgang aus dem Leben, vielleicht auch die Pupille, auf die sich das Sehen selbst zurückzieht. Gerade weil Fontane das Bild nicht auflöst, bleibt es wirksam. Der Punkt ist kein erlösendes Licht, sondern dunkel – ein Schluss, der nichts beschönigt.

Darin liegt die Bedeutung des Gedichts. Es kommt ohne Trost, ohne religiöses Versprechen und ohne Pathos aus. Es verwandelt das Altwerden und Sterben in ein geometrisches Bild: Kreise werden kleiner, das Sichtbare schwindet, ein einziger dunkler Punkt bleibt. Diese Nüchternheit macht den Text zu einem bemerkenswerten Beispiel für Fontanes lakonische, auf das Wesentliche begrenzte Sprache. Während das Leben sich lautlos verengt, bleibt die Sprache klar und voller Konturen. Der letzte Punkt setzt dem Gedicht ein Ende, das noch lange nachklingt.

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