Acht Verse, gesprochen als Bitte und doch erfüllt von Gewissheit: Ein Ich bittet ein Du, ihm mit den lieben Händen die Augen zu schließen. Was nach einer Geste des Einschlafens klingt, ist zugleich die Gebärde, mit der man Toten die Augen zudrückt. Diese Doppeldeutigkeit gibt dem Gedicht seine eigentümliche Spannung: Das Leiden, von dem gesprochen wird, löst sich unter der Berührung nicht einfach auf, aber es kommt zur Ruhe. Die zentrale Vorstellung ist eine Berührung, die den Schmerz in Schlaf versetzt – und gerade darin das Herz des Sprechenden ganz ausfüllt.
Der Bau des Gedichts ist denkbar schlicht. Acht Zeilen, zwei Strophen, ein Wechsel von Kreuzreim in der ersten Strophe (beide/leide, zu/Ruh) und umarmendem Reim in der zweiten (Schmerz/leget/reget/Herz). Auch die Kadenzen wechseln: Auf weibliche Endungen wie „beide“ und „leide“ folgen männliche wie „zu“ und „Ruh“. Diese Abfolge erzeugt ein ruhiges, fast liedhaftes Fließen, das den Vorgang des Einschlafens formal nachbildet. Die erste Strophe setzt mit einem Imperativ ein, der durch das Ausrufezeichen innig und nachdrücklich wirkt; die zweite mündet in einen Aussagesatz, als wäre die erbetene Ruhe bereits eingetreten. Die Syntax der zweiten Strophe ist dabei bemerkenswert offen: „Und wie leise sich der Schmerz / Well’ um Welle schlafen leget, / Wie der letzte Schlag sich reget, / Füllest du mein ganzes Herz.“ Die beiden „wie“-Sätze schweben zwischen Ausruf und Vergleich und geben dem Satz eine schwebende, zeitlupenhafte Bewegung.
Auffällig ist, wie stark das Gedicht über Hände und Berührung spricht. Die Hände werden „lieb“ genannt; sie sind nicht nur Werkzeuge, sondern Träger einer Zuneigung, die den Schmerz besänftigt. In der ersten Zeile ist von beiden Händen die Rede, in der vierten nur noch von „deiner Hand“ – aus der konkreten Geste wird eine bergende Macht. Der Schmerz erscheint als Wasser: „Well’ um Welle“ legt er sich schlafen. Die Wiederholung des Bildes von der Welle lässt das Verebben des Schmerzes hörbar werden; eine Welle nach der anderen verliert ihre Kraft. Das Verb „schlafen legen“ ist dabei kein gewaltsames Ersticken, sondern ein sanftes Zur-Ruhe-Bringen. Selbst der „letzte Schlag“ – das Wort kann an den Herzschlag oder an den letzten Wellenschlag denken lassen – regt sich nur noch leise. Am Ende steht nicht Leere, sondern Fülle: „Füllest du mein ganzes Herz.“ Der Schmerz verschwindet nicht ersatzlos; an seine Stelle tritt das Du.
Die Bedeutung des Gedichts liegt in dieser Verknappung. Es nennt weder Krankheit noch Tod, keine Jahreszeit, keinen Ort. Gerade durch das Ungesagte bleibt die Szene offen für viele Formen des Leidens und für viele Formen der Liebe. Das „Du“ hat keinen Namen, keine Gestalt, nur Hände und eine Wirkung. Dadurch wird aus einem intimen Augenblick ein allgemein menschliches Bild: dass die Nähe eines Menschen dem Schmerz seine Schärfe nehmen kann, dass Liebe nicht unbedingt heilt, aber begleitet und beruhigt. Storm gelingt es, die Grenze zwischen Schlaf, Ohnmacht und Tod nicht zu benennen, sondern fühlbar zu machen. Die Bitte um das Schließen der Augen kann eine Bitte um Schlaf sein – oder um einen Beistand im Sterben. Das Gedicht hält beide Möglichkeiten in einer einzigen zärtlichen Geste zusammen.