Es ist alles eitel — Gedichtanalyse

Andreas GryphiusEftertænksom

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden, Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein; Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein, Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden.

Was jetzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden; Was jetzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein; Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein. Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn. Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn? Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind, Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt! Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.

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Andreas Gryphius’ Sonett «Es ist alles eitel» beginnt mit einer Beobachtung, die den Leser unmittelbar trifft: Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. Das ist keine distanzierte Feststellung, sondern eine Anrede. Zugleich benennt die erste Zeile das zentrale Stichwort des Gedichts: Eitelkeit meint hier, in der barocken Tradition des vanitas-Gedankens, nicht Selbstverliebtheit, sondern die leere, nichtige Beschaffenheit alles Irdischen. Gryphius, ein Dichter des Barock, verdichtet in diesem Sonett die Erfahrung, dass nichts, was der Mensch schafft oder besitzt, Bestand hat.

Formal hält das Sonett die Fülle der Bilder zusammen. Die Alexandriner, sechshebige Verse mit deutlicher Mittelzäsur, geben den Zeilen einen getragenen, fast predigenden Rhythmus; die Quartette reimen umarmend, in den Terzetten stehen zunächst ein Reimpaar und danach zwei Reime, die einander umschließen. Diese strenge Ordnung bildet einen Gegensatz zu den Bildern des Verfalls, die der Text entfaltet.

Das erste Quartett führt diesen Verfall an Bauwerken vor. Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein – Bauen und Zerstören, heute und morgen stehen als Antithese gegeneinander. Selbst die Stadt, Inbegriff menschlicher Kultur, wird verschwinden: Wo jetzund Städte stehn, wird eine Wiese sein, auf der ein Schäferskind mit den Herden spielt. Die künftige Wiese ist kein arkadisches Glück, sondern ein Bild dafür, dass die Zeit über alle menschlichen Ordnungen hinweggeht.

Danach weitet sich der Blick auf Natur, Macht und Glück. Was jetzt prächtig blüht, wird bald zertreten; wer pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein. Die Doppelformel Asch und Bein erinnert an die Vergänglichkeit des Körpers, und die Ausweitung auf Materialien – kein Erz, kein Marmorstein – nimmt auch dem scheinbar Dauerhaftesten die Sicherheit. Sogar das Glück erscheint als unberechenbares Wesen: Jetzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden. Mit dem Wechsel von Lachen und Donnern wird aus Zuwendung plötzlich Bedrohung.

Mit den Terzetten tritt neben das Sehen das Fragen. Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn: Selbst Nachruhm, der den Tod überdauern soll, wird zum flüchtigen Traumbild. Die rhetorische Frage Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn? erwartet ein klares Nein. Der Mensch wird hier zum Spielball der Zeit, zu einem leichten, unbeständigen Wesen; wenn schon Marmor und Ruhm nicht bleiben, kann er es erst recht nicht.

Die letzten drei Verse bündeln das Gesagte in einer Kette von Bildern: Ach, was ist alles dies, was wir vor köstlich achten, / Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind, / Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt! Das Wort schlecht wirkt hier im alten Sinn von schlicht und gering; die Reihung ist ein immer neuer Versuch, die Hinfälligkeit ganz zu fassen. Die Wiesenblume greift das Schäferskind aus dem ersten Quartett wieder auf und schließt den Bilderkreis. Darauf folgt die eigentliche Anklage: Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten. Das Noch wirkt wie ein und dennoch: Kein einziger Mensch will das betrachten, was als Einziges Bestand hätte – das Ewige.

Die Wirkung des Sonetts beruht nicht auf einer überraschenden neuen Einsicht, sondern auf sprachlicher Verdichtung. Anaphern wie Was jetzund ... / Was jetzt ..., Antithesen und die direkte Anrede machen aus einer allgemeinen Wahrheit einen existenziellen Appell. Die strenge Form hält die beunruhigenden Bilder zusammen und führt den Gedanken von der Beobachtung über die Frage nach dem Menschen bis zu der Einsicht, dass das Entscheidende übersehen wird. Darin liegt die bleibende Kraft des Gedichts: Es hält dem Leser nicht nur die Vergänglichkeit der Dinge vor Augen, sondern auch die menschliche Neigung, sich an das Flüchtige zu klammern und das Ewige zu vergessen.

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