Schon der Titel «Sturmangriff» setzt einen Schlag: Es geht nicht um die Beschreibung eines Angriffs, sondern um den Sturm auf die Sprache selbst. August Stramm, ein Expressionist, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, verwandelt das Kriegsgeschehen in eine Abfolge aus Worttrümmern. Von der ersten Zeile an ist nichts mehr intakt: «Aus allen Winkeln gellen Fürchte Wollen» – Furcht und Wille werden zu Substanzen, die aus Ecken schreien, als wären sie körperliche Wesen, keine Gefühle. Das Verb «gellen» macht das Innere hörbar; es tönt nicht aus Mündern, sondern aus Winkeln, unpersönlich und bedrohlich. Die übliche Trennung zwischen Innen und Außen kippt; das Gedicht besteht nicht aus Sätzen, sondern aus Schüben.
Der Ein-Wort-Vers «Kreisch» wirkt wie ein Befehl oder ein Aufschrei, der mitten ins Gedicht fährt. Danach treibt «peitscht» das Bild voran: Ein Schrei peitscht das Leben vor sich her, dem keuchenden Tod entgegen. Selbst der Tod ist hier kein stummer Zustand, sondern ein Wesen, das keucht. Stramm zerlegt die Bewegung in einzelne Zeilen – «Vor / Sich / Her» –, sodass man beim Lesen tatsächlich Schritt für Schritt über das Papier gehetzt wird. Diese Kargheit ist keine Verarmung, sondern äußerste Konzentration. Jedes isolierte Wort trägt den Rhythmus eines Keuchens. Reime fehlen, ein gleichmäßiges Metrum gibt es nicht; stattdessen bestimmen harte Konsonanten und schneidende Vokale den Klang: «gellen», «peitscht», «fetzen», «schlächtert». Die Sprache klingt, als würde sie selbst beschossen.
Zentral ist dabei die Umkehrung des Vertrauten. «Die Himmel fetzen» – nicht etwa Geschosse oder Leiber, sondern der Himmel selbst zerreißt. Damit ist die Zerstörung keine einzelne militärische Tatsache mehr, sondern ein kosmischer Zustand. Auch die letzte Zeile dreht die Wahrnehmung um: «Blinde schlächtert wildum das Entsetzen.» Das ungewöhnliche «wildum» verschmilzt Richtung und Raserei zu einem einzigen Wort. Hier wird das Entsetzen nicht mehr als Gefühl der Soldaten beschrieben, sondern als etwas, das blind um sich schlägt und geschlachtet wird – oder selbst schlachtet? Die Grammatik bleibt bewusst in der Schwebe. Das Fürchterliche hat kein Gesicht, keinen Urheber und kein Ziel; es ist eine blinde Gewalt, die alles erfasst. Genau darin liegt die Aussage: Im modernen Krieg zerfällt nicht nur der Körper, sondern auch die Ordnung, mit der wir die Welt begreifen. Subjekt, Objekt, Ursache und Wirkung lösen sich auf.
Bemerkenswert ist die Nähe zu expressionistischer Wortkunst: Wörter werden aus ihren gewohnten Verbindungen gerissen, neu zusammengesetzt oder allein gestellt. «Fürchte Wollen» ist so ein sprachlicher Sprengsatz: Zwei abstrakte Nomen prallen aufeinander und erzeugen den Zustand zwischen Panik und Antrieb. Gerade weil keine erklärenden Sätze vorkommen, entsteht ein hoher Druck. Das Gedicht verhält sich zu einer erzählenden Kriegsszene wie ein Sturmangriff zu einem Lagebericht – es will nicht berichten, sondern den Schrecken unmittelbar spürbar machen. Diese Radikalität ist bedeutsam, weil sie zeigt, was Lyrik nach der Erfahrung industrialisierter Kriege leisten kann: Sie bildet Zerstörung nicht bloß ab, sondern vollzieht sie in ihrer eigenen Form. Wer den Text liest, erlebt keine Distanz, sondern wird in die atemlose Bewegung hineingezogen.
«Sturmangriff» ist kein Gedicht über den Krieg, sondern ein Gedicht aus dem Krieg: aus Sprache gefertigt, die unter Schock steht. Die fragmentarischen Verse, die harten Klänge und die verstörenden Bilder machen den Angriff zu einem Vorgang im Gedicht selbst.