Ein Werwolf eines Nachts entwich / von Weib und Kind... – Christian Morgensterns Gedicht beginnt wie eine schaurige Ballade und wird sogleich zu einer Groteske. Der Werwolf sucht kein Blut, sondern grammatische Bildung: Am Grab eines Dorfschullehrers bittet er den Toten mit dem Imperativ «Bitte, beuge mich!» Der Schulmeister steigt aus dem Grab, stellt sich auf den Messingknauf des blechernen Grabschilds und dekliniert das Wort: «Der Werwolf – des Weswolfs, dem Wemwolf, den Wenwolf». Damit sei die Einzahl erledigt. Doch der Wolf bittet auch um die Mehrzahl. Der Lehrer muss gestehen: «Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar, / doch ›Wer‹ gäb’s nur im Singular.» Da erhebt sich der Werwolf tränenblind – er hat ja Weib und Kind –, doch weil er kein Gelehrter ist, geht er «dankend und ergeben».
Der Witz und zugleich die zentrale Idee des Gedichts liegen in der wörtlichen Auslegung des Wortes «Werwolf»: Es enthält das Fragewort «wer», und dieses Fragewort existiert nur im Singular. Morgenstern macht aus einer grammatischen Regel ein existenzielles Problem. Der Werwolf ist ein Mischwesen, halb Mensch, halb Wolf; er müsste also in zwei Welten zu Hause sein. Doch die Sprache verweigert ihm eine grammatische Mehrzahl. Wer eine Familie hat, möchte die eigene Art im Plural denken können, aber die Grammatik erlaubt es nicht. Sprache entscheidet hier über Zugehörigkeit und Anerkennung. Der Werwolf darf nur als Einzelner existieren; eine Gemeinschaft der Werwölfe ist sprachlich nicht vorgesehen.
Die Bauweise des Gedichts verstärkt den Effekt. Es besteht aus fünf Strophen mit meist vierhebigen Versen und Paarreimen, nur die erste Strophe umarmt ihre Reime. Dadurch wirkt das Ganze wie eine liedhafte Moritat oder eine düstere Fabel, beinahe einprägsam und leicht. Der glatte Rhythmus kontrastiert mit dem absurden Inhalt und hält das Unheimliche komisch in der Schwebe. Die Bildwelt ist sparsam, aber präzise: das Blechschild mit dem Messingknauf, die geduldig gekreuzten Pfoten des Wolfs, die rollenden «Augenbälle». Hier mischt sich die Schulstube mit Friedhof und Tierfabel, und gerade daraus entsteht der eigenartige Ton.
Die Sprache selbst ist der eigentliche Schauplatz. Der Imperativ «beuge mich» meint zugleich grammatisches Beugen und körperliches Verneigen; der Werwolf unterwirft sich dem toten Lehrer wie ein Schüler, ja wie ein frommer Hund. Die erfundenen Kasus «Weswolf» und «Wemwolf» legen das Fragewort im Inneren frei: Wer? Wes? Wem? Wen? Der Werwolf wird so zu einer grammatischen Frage, die nicht zur Ruhe kommt. Als die Fälle ihm «schmeichelten», rollt er genüsslich die Augenbälle, als wäre die Deklination eine Liebkosung. Die Mehrzahl aber bleibt ihm versagt, denn «Wer» bleibt Singular, obwohl es Wölfe in großer Schar gibt. Der Unsinn wird an dieser Stelle philosophisch: Sprache beschreibt die Welt nicht nur, sie begrenzt sie auch; wer in ihren Kategorien keinen Plural besitzt, den gibt es als Wir nicht.
Bedeutsam ist das Gedicht, weil es aus einer grammatischen Schnurre eine kleine Tragikomödie über Identität und Zugehörigkeit macht. Der Werwolf weint, weil er seine Familie sprachlich nicht als Mehrzahl fassen kann, und akzeptiert diese Grenze mit ergebener Höflichkeit. Morgenstern, dessen Galgenlieder den Nonsens als ernste Kunstform populär machten, zeigt, wie viel Schrecken und Sehnsucht in einer Deklinationstabelle stecken können. Die Verbindung aus strenger Form, Geistergeschichte und absurder Logik macht den Text unvergesslich.