Christian Morgensterns «Der Werwolf» erzählt eine kleine Spukgeschichte mit grammatischem Witz: Nachts verlässt ein Werwolf Frau und Kind, tritt an das Grab eines Dorfschullehrers und bittet ihn: »Bitte, beuge mich!« Der tote Lehrer steigt auf den Messingknauf seines Grabkreuzes und dekliniert brav: der Werwolf, des Weswolfs, dem Wemwolf, den Wenwolf. Dem Werwolf gefallen diese Fälle so gut, dass er auch den Plural wissen will. Doch der Lehrer muss gestehen, dass es zwar viele Wölfe gibt, das Fragewort »wer« aber nur im Singular existiert. Da erhebt sich der Wolf tränenblind – er hat schließlich Weib und Kind –, ist aber nicht gelehrt genug, um zu widersprechen, und geht dankbar davon.
Der Ton ist heiter und liebevoll ironisch. Die absurde Grammatikstunde am Grab erzeugt eine komische, fast kindliche Stimmung; zugleich rührt die Vorstellung, dass der Werwolf für seine Familie gern eine Mehrzahl hätte, leise melancholisch an. So wird aus Sprachlogik ein kleines, skurriles Märchen über Zugehörigkeit und das, was sich nicht beugen lässt.