Der Werwolf — Zusammenfassung

Ein Werwolf eines Nachts entwich von Weib und Kind, und sich begab an eines Dorfschullehrers Grab und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf auf seines Blechschilds Messingknauf und sprach zum Wolf, der seine Pfoten geduldig kreuzte vor dem Toten:

»Der Werwolf« – sprach der gute Mann, »des Weswolfs«, Genitiv sodann, »dem Wemwolf«, Dativ, wie man’s nennt, »den Wenwolf«, – »damit hat’s ein End«.

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle, er rollte seine Augenbälle. Indessen, bat er, füge doch zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte gestehn, daß er von ihr nichts wußte. Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar, doch »Wer« gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind – er hatte ja doch Weib und Kind!! Doch da er kein Gelehrter eben, so schied er dankend und ergeben.

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Christian Morgensterns «Der Werwolf» erzählt eine kleine Spukgeschichte mit grammatischem Witz: Nachts verlässt ein Werwolf Frau und Kind, tritt an das Grab eines Dorfschullehrers und bittet ihn: »Bitte, beuge mich!« Der tote Lehrer steigt auf den Messingknauf seines Grabkreuzes und dekliniert brav: der Werwolf, des Weswolfs, dem Wemwolf, den Wenwolf. Dem Werwolf gefallen diese Fälle so gut, dass er auch den Plural wissen will. Doch der Lehrer muss gestehen, dass es zwar viele Wölfe gibt, das Fragewort »wer« aber nur im Singular existiert. Da erhebt sich der Wolf tränenblind – er hat schließlich Weib und Kind –, ist aber nicht gelehrt genug, um zu widersprechen, und geht dankbar davon.

Der Ton ist heiter und liebevoll ironisch. Die absurde Grammatikstunde am Grab erzeugt eine komische, fast kindliche Stimmung; zugleich rührt die Vorstellung, dass der Werwolf für seine Familie gern eine Mehrzahl hätte, leise melancholisch an. So wird aus Sprachlogik ein kleines, skurriles Märchen über Zugehörigkeit und das, was sich nicht beugen lässt.

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