Vier Strophen, vier kleine Szenen, und jede endet mit demselben harten Reim: „lachte“. Heinrich Heines Gedicht „Ein Weib“ erzählt eine Liebesgeschichte, die von Anfang an keine sentimentale sein will: Sie eine Spitzbübin, er ein Dieb. Wenn er Schelmenstreiche macht, wirft sie sich aufs Bett und lacht. Was volksliedhaft beginnt, wird schnell zu einem grausamen Spiel mit der Erwartung an Liebesballaden.
Das Gedicht ist streng gebaut: vier Vierzeiler, ein einfacher Rhythmus, der an gesungene Volkspoesie erinnert. Die ersten beiden Verse binden sich durch Paarreim – „lieb“ auf „Dieb“, „Lust“ auf „Brust“, „mir“ auf „dir“; in der letzten Strophe antwortet „gesenkt“ auf „gehenkt“. Der dritte und vierte Vers jeder Strophe führen dann zum entscheidenden Reimwort hin: „machte“/„lachte“, „brachte“/„lachte“, „schmachte“/„lachte“, „achte“/„lachte“. Das „lachte“ ist kein bloßer Abschluss, sondern ein Refrain, der jede Zärtlichkeit, jede Klage, selbst den Tod gleichsam beantwortet. Der Klang bleibt heiter, fast hüpfend; der Inhalt aber wird immer düsterer. Genau diese Spannung ist das Zentrum des Gedichts.
Inhaltlich entfaltet sich eine Anti-Liebesgeschichte in vier Schritten. Zuerst die Zweisamkeit zweier Gauner: „Freud und Lust“ am Tag, nachts liegt sie an seiner Brust. Dann die Trennung durch das Gefängnis: Er wird abgeführt, sie steht am Fenster und lacht. Im dritten Schritt fleht er: „O komm zu mir, / Ich sehne mich so sehr nach dir.“ Die Sprache wird pathetisch, fast parodistisch – „ich schmachte“ ist ein Wort aus der empfindsamen Liebeslyrik. Doch sie schüttelt nur das Haupt und lacht. Die vierte Strophe schließlich treibt die Grausamkeit auf die Spitze: Um sechs wird er gehängt, um sieben begraben, und sie trinkt um acht roten Wein und lacht.
Die Zeitangaben der letzten Strophe wirken wie ein amtlicher Bericht: sechs, sieben, acht. Der Galgen rückt in die Nähe eines Terminkalenders. „Rothen Wein“ ist dabei ein starkes Bild: Er steht für Leben, Genuss, vielleicht sogar für Blut – auf jeden Fall für etwas, das die Frau dem toten Mann voraushat. Sie trauert nicht, sie verweilt nicht, sie gönnt sich das Leben. Das Wörtchen „schon“ in „Sie aber schon um achte“ macht die Eile fast zynisch: Nur eine Stunde nach der Beerdigung ist der Tote für sie erledigt.
Auch die Wortwahl prägt den Ton. Der Titel „Ein Weib“ mit dem unbestimmten Artikel macht die Frau zu einem Typus, nicht zu einer Person. „Spitzbübin“ und „Dieb“ passen zusammen, doch während der Dieb für seine Taten hängt, kommt die Spitzbübin ungeschoren davon. Sie verletzt kein Gesetz, aber sie verhöhnt die Liebe. Der Mann erscheint dagegen als der eigentlich Schwache: Er sehnt sich, ruft, schmachtet – und wird für seine Gefühle nicht belohnt, sondern verlacht. Das Gedicht kehrt damit die Rollen der sentimentalen Ballade um. Dort wäre die Frau die Treue, die den Geliebten im Kerker besucht, ihn beweint und ihm nachstirbt. Hier bleibt sie außen vor, buchstäblich am Fenster, und quittiert sein Schicksal mit einem Laut.
Bedeutsam ist „Ein Weib“ vor allem durch diese Umkehrung. Heine nutzt die einfache, volksliedhafte Form nicht, um ein rührendes Schicksal zu besingen, sondern um das Pathos der Liebesballade zu zerstören. Das wiederholte „lachte“ wirkt wie ein Nadelstich in jede aufkommende Rührung. Aus der Tragödie wird eine groteske Anekdote, aus der treuen Geliebten eine kalte Spötterin. Gerade weil das Gedicht so einfach gebaut ist, trifft der Schluss umso härter: Die Liebe endet nicht mit Tränen, sondern mit rotem Wein und einem Lachen.