Ein märkischer Gutsherr, ein Birnbaum, Kinder mit vollgestopften Taschen: Fontanes Gedicht mit der berühmten Eingangszeile „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ erzählt vordergründig eine Anekdote aus dem Havelland. Dahinter steht eine moralische Idee: Großzügigkeit ist keine einmalige Handlung, sondern ein Lebensprinzip, das den Tod überdauern kann. Schon die ersten Strophen zeigen, dass der alte Ribbeck seinen Reichtum nicht als abgeschlossenen Besitz versteht. „Und kam die goldene Herbsteszeit, / Und die Birnen leuchteten weit und breit“, dann füllt er sich „beide Taschen voll“ und gibt die Früchte an die Kinder weiter. Die leuchtenden Birnen sind dabei nicht nur Obst, sondern ein Bild für Fülle, die von selbst über den Garten hinausstrahlt und verteilt werden will.
Formal lebt das Gedicht von gereimten Paarreimen und einem lockeren, balladenhaften Erzählfluss. Die Zeilenlänge schwankt, oft tragen sie vier Hebungen; dadurch klingt der Text wie ein volksliedhaftes Erzählgedicht, nicht wie eine starre Kunstballade. Auffällig sind die niederdeutschen Wendungen: „Junge, wist’ ne Beer?“, „Lütt Dirn, Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“ Sie geben den Kindern und dem alten Herrn eine unverwechselbare regionale Stimme. Auch der Reim verbindet Dialekt und Hochdeutsch, etwa „daher“ und „Beer“, und macht den Ton mündlich, fast familiär. Dazu wiederholt sich das Motiv des Leuchtens: „die Birnen leuchteten weit und breit“ und am Ende „Leuchtet’s wieder weit und breit“. Der goldene Herbst rahmt die Geschichte als Zeit der Ernte und der Erfüllung.
Die mittlere Handlung setzt den alten Ribbeck scharf vom Sohn ab. Als der alte Mann sein Ende fühlt, bittet er nicht um ein Denkmal, sondern: „Legt mir eine Birne mit in’s Grab.“ Dieser Wunsch wirkt zunächst rührend, fast kurios, doch er ist kühl berechnet. Ribbeck ist „voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn“, der später „knausert und spart“ und „Park und Birnbaum strenge verwahrt“. Der Besitz wird hier zum Gefängnis: Was vorher offen war, ist nun verschlossen. Die klagenden Kinder begreifen zunächst nicht, dass der Alte sie nicht vergessen hat. „He is dod nu. Wer giwt uns nu ’ne Beer?“ klingt wie ein echtes Wehklagen. Das Gedicht widerspricht: „Das war nicht recht, / Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht.“ Die Leser ahnen, dass die Birne im Sarg ein Samen sein wird.
Dann kommt das Wunder, das im Ton einer Volkslegende erzählt wird. Im dritten Jahr sproßt aus dem stillen Haus – gemeint ist das Grab – ein Birnbaumsprößling. Aus dem toten Körper wird neues Wachstum; die Gabe geht buchstäblich durch die Erde hindurch. Später wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab, und in ihm flüstern dieselben Worte wie einst: „wiste ne Beer?“, „Kumm man röwer, ick gew’ Di ’ne Birn.“ Nicht zufällig spricht der Baum im Dialekt. Er übernimmt die Stimme des Verstorbenen und setzt dessen Großzügigkeit fort. Die Schöpfung wird zum Komplizen der Nächstenliebe.
Die Schlussverse ziehen daraus eine ruhige Konsequenz: „So spendet Segen noch immer die Hand / Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.“ Segen bedeutet hier beides: die Frucht, die man greifen kann, und den geistlichen Beistand. Anders als ein Loblied auf einen wohltätigen Adeligen ist das Gedicht auch eine kleine Sozialkritik: Es feiert nicht den Stand, sondern die Haltung. Der alte Ribbeck ist liebenswürdig, weil er teilt; der Sohn ist abstoßend, weil er verwahrt. Am Ende zählt nicht das Erbe, sondern das Weitergeben selbst. Genau darin liegt die dauerhafte Wirkung des Textes: Er macht aus einer Birne ein Symbol dafür, dass wahre Großzügigkeit Wurzeln schlägt.