Ein Tier, das auf mehreren Nasen einherschreitet, hat es nicht leicht: Kaum ist es vorgestellt, sucht man es vergeblich in den großen Nachschlagewerken. Christian Morgensterns Gedicht „Das Nasobēm“ aus den Galgenliedern (1905) treibt mit dieser Suchbewegung ein ironisches Spiel. Das Gedicht behauptet die Existenz eines Wesens nicht durch Beobachtung oder zoologische Beschreibung, sondern durch Verse. Darin liegt sein zentraler Gedanke: Sprache kann Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern selbst erschaffen.
Drei vierzeilige Strophen bilden das Gerüst. Der Rhythmus ist leicht und liedhaft; jede Zeile trägt ungefähr drei Hebungen. Die Kreuzreime verbinden vertraute Wörter mit dem rätselhaften Namen: „Nasobēm“ reimt sich auf „Brehm“ und stellt damit den gerade erfundenen Namen neben ein reales Lexikon. Auffällig ist auch die Satzstellung. Der erste Vers beginnt nicht mit dem Subjekt, sondern mit der Ortsangabe „Auf seinen Nasen“; dadurch rückt die absurde Art der Fortbewegung sofort in den Vordergrund. Das Verb „schreitet ... einher“ wird durch den Zeilenumbruch getrennt, sodass die Bewegung selbst gedehnt erscheint, als wandere das Tier über die Versgrenze hinweg.
Die erste und die dritte Strophe sind fast identisch. Dazwischen liegt die zweite, die erklärt, warum das Wesen noch nirgends verzeichnet ist: „Es trat aus meiner Leyer / zum ersten Mal ans Licht.“ Die alte Schreibung „Leyer“ klingt nach klassischer Dichtung, nach Gesang und Musenanruf. Das Entstehen des Nasobēms wird so als Geburt ins Licht inszeniert, nicht als Fund in der Natur. Besonders wirkungsvoll sind die Namen der Nachschlagewerke. „Brehm“, „Meyer“ und „Brockhaus“ stehen für gesichertes Wissen, für Ordnung und enzyklopädische Vollständigkeit. Indem das Gedicht dreimal feststellt, wo das Nasobēm nicht steht, imitiert es die Genauigkeit eines Lexikons. Doch die Reihenfolge ist umgekehrt: Erst schreitet das Wesen einher, dann kommt das Wissen. Das Lexikon hinkt der Dichtung hinterher. Der Sprecher wirkt dabei nicht besorgt, sondern selbstbewusst: Was aus seiner Leier tritt, muss nicht erst durch ein Nachschlagewerk bestätigt werden.
Auch die Bildlichkeit arbeitet mit komischen Kontrasten. Der würdevolle Ausdruck „schreitet einher“ passt zu einem Festzug, nicht zu einem Wesen mit mehreren Nasen. Die Mehrzahl „Nasen“ macht die Vorstellung bereits im ersten Vers grotesk. Zugleich wird das Nasobēm „von seinem Kind begleitet“: Das eben erfundene Geschöpf hat schon Nachwuchs, besitzt also eine Art Familiengeschichte. Diese kleinen Details geben dem Phantasietier etwas Selbstverständliches, fast Biologisches. Der Name selbst trägt die „Nase“ sichtbar im Wortkörper und erhält durch die betonte Endung „-bēm“ einen gelehrt-lateinischen, beinahe zoologischen Klang. Man könnte das Nasobēm für eine längst beschriebene Tierart halten, gerade weil es so ruhig und sicher präsentiert wird.
Die Schlussstrophe mit dem eingeschobenen „(wie schon gesagt)“ ist kein Zeichen von Ungeschick, sondern ein selbstbewusster Kunstgriff. Das Gedicht zitiert sich nun selbst, als gäbe es bereits eine Überlieferung. Aus dem ersten Erscheinen ist Wiederholung geworden, aus der Erfindung beinahe ein Brauch. Morgensterns Text führt damit vor, was Dichtung kann: Ein Wort ist nicht nur ein Etikett für etwas Vorhandenes, sondern kann ein Wesen aus Klang, Reim und Rhythmus hervorbringen. Das Nasobēm ist genau deshalb unvergesslich, weil es nie in Brehm, Meyer oder Brockhaus stand und dennoch ganz selbstverständlich vor dem inneren Auge des Lesers einherschreitet.