Christian Morgensterns «Der Lattenzaun» liest sich wie ein kindliches Märchen, das in eine absurde Katastrophe führt. Sechs kurze Reimpaare erzählen eine Kette von Ereignissen: Ein Lattenzaun mit Zwischenraum wird von einem Architekten erblickt; der Architekt entfernt die Lücke zwischen den Latten und errichtet daraus ein großes Haus; der Zaun bleibt als hässliche Ansammlung von Latten zurück; der Senat konfisziert ihn; der Baumeister flieht. Bereits der Auftakt «Es war einmal» zitiert den Märchenton und stellt damit die Erwartung einer klaren moralischen Ordnung her. Doch was folgt, ist keine Lehre, sondern eine Versuchsanordnung über das Nichts.
In den ersten Versen steckt die Pointe bereits im sprachlichen Paradox: «mit Zwischenraum, hindurchzuschaun». Der Zwischenraum ist keine Sache, sondern eine Möglichkeit, ein leeres Intervall, durch das man hindurchsieht. Dass ein Architekt «den Zwischenraum heraus» nimmt und «draus ein großes Haus» baut, macht aus einer Abwesenheit einen handfesten Baustoff. Das Wort «heraus» verleiht der Leere eine fast körperliche Form; «draus» tut so, als wäre aus Nichts etwas geworden. Dadurch wird die Logik alltäglicher Raumwahrnehmung auf den Kopf gestellt, und genau darin liegt der Witz: Wir halten den Zaun für eine Ansammlung von Latten, dabei ist er mindestens ebenso sehr das, was sich zwischen ihnen befindet.
Die Form stützt diesen Gedanken. Sechs paarweise gereimte Zweizeiler in einem raschen, vierhebigen Rhythmus erzeugen einen singenden Takt; jede Strophe erscheint wie ein kleiner Auftritt. Reime wie «heraus» / «Haus», «dumm» / «herum» oder «gemein» / «ein» verbinden dabei Wörter, die sachlich auseinanderliegen, und machen die absurde Handlung plausibel. Die zweite Strophe endet mit einem Gedankenstrich, die dritte beginnt mit «und», sodass der Eingriff des Architekten wie eine unmittelbare Folge erscheint. Der letzte Reim führt ins Offene: Auf «entfloh» antwortet das kindlich zerschnittene «Afri — od — Ameriko». Diese Zeile ist mehr als eine komische Flucht. Sie lässt das Ziel zerrissen, nicht einmal die Kontinente werden als ganze Wörter genannt. Die Bindestriche wirken wie die entnommenen Zwischenräume des Zauns: Auch die Wörter sind nun durchlöchert, und der Leser muss selbst ergänzen.
Im Mittelpunkt steht der Zaun nach dem Eingriff. «Der Zaun indessen stand ganz dumm, / mit Latten ohne was herum.» Die Wendung «ohne was» ist auffallend alltagssprachlich; sie nennt das Fehlende nicht einmal mehr klar. Der Zaun wird vermenschlicht: Er steht «dumm» da, wie jemand, dem etwas Wesentliches fehlt. Nun ist er nur noch Holz, keine Struktur mehr. Der «Anblick gräßlich und gemein» macht aus dem ästhetischen Schock eine öffentliche Angelegenheit: «Drum zog ihn der Senat auch ein.» Das Wort «Senat» klingt feierlich-antik und steht in komischem Kontrast zum banalen Zaun. Die Behörde greift nicht ein, um den Architekten zu fassen, sondern beschlagnahmt den unansehnlichen Zustand. Der Täter entkommt, der Zaun wird eingezogen — eine Verschiebung, die zeigt, wie Ordnungsmächte oft an der auffälligen Folge handeln statt an der Ursache.
Morgensterns Vers bleibt deshalb bedeutsam, weil er eine philosophische Frage in leichtem Ton behandelt: Was macht ein Ding aus — die Latten oder der Raum dazwischen? Wer das Nichts entfernt, zerstört die Form und schafft zugleich Neues, ein Haus aus einer Lücke. So feiert das Gedicht die schöpferische Kraft der Fantasie und der Sprache, während es mit Senat und Flucht jeden Anspruch auf endgültige Ordnung verabschiedet. Zurück bleibt ein Zaun aus Wörtern, dessen «Zwischenraum» zum Hindurchschauen einlädt.