Die beiden Esel — Gedichtanalyse

Ein finstrer Esel sprach einmal zu seinem ehlichen Gemahl:

„Ich bin so dumm, du bist so dumm, wir wollen sterben gehen, kumm!“

Doch wie es kommt so öfter eben: Die beiden blieben fröhlich leben.

Mostra tutta la poesiaComprimi la poesia

App Learn Poems

Probiere die App Learn Poems aus

Alles aus dem Website-Trainer und mehr: neue Übungen, Sprachaufnahme und Teilen, Erinnerungen, schnelles Auffrischen.

Ein düsterer Esel schlägt seiner Ehefrau vor, gemeinsam zu sterben, weil beide „so dumm“ seien – und dann bleiben sie einfach fröhlich am Leben. Auf diesen knappen, überraschenden Witz läuft Christian Morgensterns Gedicht „Die beiden Esel“ zu. Die zentrale Idee lässt sich darin erkennen, dass ein theatralischer Entschluss am Alltag zerbricht: Wer sich im Selbstmitleid für untauglich zum Leben hält, hat oft gar nicht die Konsequenz, diesen Gedanken umzusetzen. Gerade die Dummheit, die den Eseln das Leben unerträglich erscheinen lässt, bewahrt sie am Ende vor dem Sterben – und macht das Gedicht zu einer heiteren Parodie auf Weltschmerz.

Schon der erste Vers stellt eine groteske Figur vor: „Ein finstrer Esel“ – das Adjektiv passt auf den ersten Blick nicht zu einem Esel. Esel gelten als dumm und störrisch, nicht als düster. Indem der Esel „finster“ genannt wird, erhält er menschliche Züge: Er ist melancholisch, unzufrieden mit sich selbst. Auch die Anrede „zu seinem ehlichen Gemahl“ treibt die Vermenschlichung weiter. Das altertümlich-feierliche Wort „Gemahl“ und die scherzhaft verkürzte Form „ehlich“ statt „ehelich“ wirken komisch, weil sie eine bürgerliche Ehe auf zwei Esel übertragen. Der Paarreim „einmal / Gemahl“ ist einfach und glatt, ebenso wie der Rhythmus: Jede Zeile hat vier Hebungen, meist im jambischen Gang. Diese Regelmäßigkeit gibt dem absurden Dialog einen fast logischen Klang.

Der Dialog selbst ist denkbar simpel. „Ich bin so dumm, du bist so dumm“ – die Wiederholung klingt kindlich, fast wie ein trotziger Befund. Aus dieser Selbstbezichtigung folgt erstaunlich schnell der Beschluss: „wir wollen sterben gehen, kumm!“ Das Verb „sterben gehen“ ist ungewöhnlich; es klingt, als gingen die Esel einkaufen oder spazieren. Dadurch wird der Tod seiner Schwere beraubt. Das Wort „kumm“ statt „komm“ ist eine dialektale, nahe Lautung, die zugleich den Reim auf „dumm“ ermöglicht. Der hohe Anspruch – „sterben“ – und die unbeholfene Sprache fallen auseinander: Schon in der ersten Strophe ist der Todesplan lächerlich.

Die zweite Strophe bringt die Pointe in nur zwei Versen. „Doch wie es kommt so öfter eben“ – diese Alltagswendung wirkt wie ein Achselzucken, als sei das Scheitern großer Vorsätze eine bekannte Sache. Der Reim „eben / leben“ schließt die kleine Szene ab. „Die beiden blieben fröhlich leben“ – hier steckt eine sanfte Alliteration in „blieben fröhlich leben“, die den Vers rund und leicht macht. Aus dem „finsteren“ Esel ist ein fröhliches Paar geworden, ohne dass ein Grund genannt wird. Die Esel haben nicht etwa ihre Dummheit überwunden; sie haben nur ihren Entschluss vergessen oder nicht ernst genommen. Das ist die heitere Bosheit des Gedichts: Der Selbstmord aus Selbstverachtung scheitert an der eigenen Unfähigkeit zur Konsequenz.

Morgenstern, der 1871 geboren wurde und 1914 starb, ist vor allem für solche kurzen, sprachspielerischen Gedichte bekannt, in denen ernste Themen plötzlich ins Komische kippen. In „Die beiden Esel“ verzichtet er fast ganz auf Bildsprache; die Wirkung entsteht aus dem Kontrast zwischen dem feierlichen Ton („Gemahl“, „sterben gehen“) und der banalen Wendung am Schluss. Gerade weil das Gedicht so knapp ist, bleibt die Pointe lange im Kopf. Es erinnert an eine Fabel, doch die Moral ist ironisch: Dummheit kann lebensrettend sein. Für Schüler zeigt der Text, wie viel Komik in Rhythmus, Reim und Wortwahl stecken kann – und dass Lyrik nicht immer feierlich sein muss, um etwas über das Leben zu sagen.

Leggi anche

Altro di Christian Morgenstern

Tutte le poesie
AllegroChristian Morgenstern

Der Hecht

Ein Hecht, vom heiligen Antōn bekehrt, beschloß, samt Frau und Sohn, am vegetarischen Gedanken moralisch sich emporzuranken.
AnsiosoChristian Morgenstern

Das Knie

Ein Knie geht einsam durch die Welt. Es ist ein Knie, sonst nichts! Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt! Es ist ein Knie, sonst nichts.
AllegroChristian Morgenstern

Das Huhn

In der Bahnhofhalle, nicht für es gebaut, geht ein Huhn hin und her … Wo, wo ist der Herr Stationsvorsteh’r?