Christian Morgensterns „Die Trichter“ beginnt wie eine romantische Wanderung – und endet bei den Buchstaben u.s. und w. Der Titel klingt zunächst sachlich, fast wie ein Lexikoneintrag: die Trichter. Doch dann wandeln zwei Trichter durch die Nacht. Durch den verengten Schacht ihres Rumpfes fließt weißes Mondlicht, still und heiter, auf ihren Waldweg. Schon in den ersten beiden Zeilen wird ein vertrautes Bild der Nacht- und Mondscheinpoesie aufgerufen: das Wandeln im Freien, der Waldweg, die stille Helle. Aber die Wandernden sind keine Menschen oder Fabelwesen, sondern zwei Küchengeräte mit Rumpf und Schacht. Aus dem wohligen Naturbild wird ein groteskes Sprachspiel.
Auffällig ist, wie sich die äußere Form des Gedichts verändert. Die beiden ersten Verse sind noch voll gebaut: jambische Vierheber mit einem sauberen Paarreim – „Nacht“ reimt sich auf „Schacht“. Danach schrumpfen die Zeilen. Erst folgen drei Hebungen in „fließt weißes Mondlicht“, dann zwei in „still und heiter“, dann nur noch die kurze Wortgruppe „auf ihren“, das einzelne Wort „Waldweg“, schließlich die Abkürzung „u.s.“ und der Buchstabe „w.“ Zugleich bricht die Syntax: Mit „auf ihren“ beginnt eine Bestimmung, die sich nicht mehr zu einem vollständigen Satz fügt; der Leser bleibt sozusagen auf halbem Weg stehen, wie die beiden Trichter, deren Spaziergang nicht zu Ende erzählt wird. Das Gedicht bildet also in seiner Gestalt genau das ab, wovon es spricht: einen Trichter, der sich nach unten hin verengt. Die Sprache wird knapper, bis sie fast verstummt. Mit dieser Verkürzung verschwindet auch der Reim; was bleibt, ist ein klanglicher Rest, der wie ein Versprechen auf Fortsetzung wirkt, das aber nicht mehr eingelöst wird. Das Schriftbild selbst wird so zum komischen und zugleich präzisen Bild.
Auch die Wortwahl wechselt zwischen zwei Tonlagen. „Wandeln“ und „still und heiter“ klingen feierlich, beinahe romantisch. „Rumpf“ und „Schacht“ dagegen sind technisch und zugleich körperlich. Das Verb „fließt“ macht das Mondlicht zu einer Flüssigkeit, die durch den Trichter hindurchläuft. Dadurch wird der Trichter zum Bild für einen Filter: Oben nimmt er die weite, weiße Helligkeit der Nacht auf, unten tropft nur noch ein dünner Strahl heraus. Dichten erscheint so als Vorgang des Auswählens und Verengens: Aus der übervollen Wirklichkeit wird durch die enge Form ein schmaler Text. Am Ende bleibt nicht einmal ein vollständiges Wort, sondern „u.s.“ – und was danach käme, deutet der Buchstabe „w.“ nur noch an, als wäre das Wort „weiter“ selbst auf seinen Anfang geschrumpft. Morgenstern treibt das Prinzip der Abkürzung so weit, dass der Leser das Fehlende selbst ergänzen muss. Der romantische „Waldweg“ wird dabei zum ironischen Versatzstück: Das Gedicht kostet das Klischee der Mondscheinstimmung aus, bricht es aber durch die absurde Wahl des Sprechers.
Die auf zwei Zeilen verteilte Abkürzung „u.s.w.“ ist mehr als bloße Notation. Die Nacht, seit der Romantik ein Raum für Träume und Geheimnisse, wird hier von zwei Gebrauchsgegenständen bevölkert; das erhabene Dunkel wird durch den Trichter gewissermaßen entzaubert. Die Abkürzung steht als geschriebenes Zeichen im Text und macht sichtbar, dass jedes Gedicht aus demselben Material besteht wie die Welt, die es beschreibt: aus Worten, die sich fortsetzen ließen, aber irgendwo abgebrochen werden müssen. Indem das Gedicht mit einem einzelnen Buchstaben endet, führt es das Prinzip der Verkürzung bis an die Grenze. Der Leser wird Zeuge eines Schrumpfungsprozesses: vom weiten nächtlichen Himmel über den Waldweg bis zur typografischen Abkürzung. Was übrig bleibt, ist ein Gerippe aus Schrift – und genau dieses Gerippe erzählt die eigentliche Geschichte.
In seiner Tiefe ist das Gedicht ein Gedicht über das Gedichtemachen. Die Trichter sind nicht einfach komische Figuren, sondern Bilder für die Sprache selbst: eine weite Öffnung für Eindrücke, eine Verengung, ein Ausfluss. Dass zwei Trichter gemeinsam wandeln, verstärkt den Eindruck eines Paares – vielleicht von Autor und Leser, von Form und Inhalt oder schlicht von zwei gleichgearteten Hohlkörpern, die nur in der Nacht ihr seltsames Leben führen. Morgenstern führt die Reduktion bis zum letzten Buchstaben vor, als wolle er sagen: Mehr kann von der ganzen Herrlichkeit der Nacht nicht gesagt werden – und mehr muss auch nicht gesagt werden. Genau darin liegt der Witz und die Tiefe dieses kleinen Kunststücks.