Christian Morgensterns «Möwenlied» aus den 1905 erschienenen «Galgenliedern» beginnt wie ein kindlicher Beobachtungssatz: Die Möwen sehen alle aus, als ob sie Emma hießen. Diese Behauptung ist logisch unsinnig – Namen sieht man einem Tier nicht an –, aber poetisch sofort einleuchtend. Die Möwen bekommen durch den Namen Emma etwas Vertrautes, fast Menschliches, und der weiße «Flaus», dieses weiche, stoffliche Wort für ihr Gefieder, verstärkt den Eindruck von etwas Anfassbarem, Liebenswertem. Doch dann folgt der harte Kontrast: Möwen sind «mit Schrot zu schießen». Der singende Paarreim, der die Strophe trägt, lässt diese nüchterne Tatsache fast beiläufig klingen.
In der zweiten Strophe stellt sich der Sprecher selbst gegen das Schießen: «Ich schieße keine Möwe tot, / ich laß sie lieber leben». Diese ethische Entscheidung wirkt zunächst simpel, fast selbstverständlich. Aber sie wird konkret in einer Geste, die ebenso zärtlich wie skurril ist: Er füttert die Möwen mit Roggenbrot und «rötlichen Zibeben». Das altertümliche Wort für Rosinen bringt eine warme, rötliche Farbe in die weiße Szenerie, und das Verb «füttre» klingt eher nach Kinderstube als nach Tierliebe. Aus der Gewalt des Schrots wird eine Handlung der Fürsorge – ohne Pathos, dafür mit einer Prise Alltagskomik.
Die dritte Strophe wendet sich ins Allgemeine und spricht den Menschen direkt an: «O Mensch, du wirst nie nebenbei / der Möwe Flug erreichen.» Das entscheidende Wort ist «nebenbei». Der Mensch kann vielleicht Flugmaschinen bauen oder Anstrengungen unternehmen, aber die beiläufige Leichtigkeit, mit der eine Möwe durch die Luft gleitet, bleibt ihm unerreichbar. Dann zieht der Sprecher die Konsequenz aus der anfänglichen Namensgebung: «Wofern du Emma heißest, sei / zufrieden, ihr zu gleichen.» Wer also zufällig Emma heißt, hat bereits eine Verbindung zu den Möwen – den gemeinsamen Namen – und sollte sich damit begnügen. Die Komik liegt in dieser ironischen Umkehrung: Nicht die Möwe wird durch den Namen vermenschlicht, sondern der Mensch wird durch den Namen an die Möwe angeglichen. Emma zu heißen wird zu einem stillen Privileg, das keinen Flug nötig macht.
Formal besteht das Gedicht aus drei vierzeiligen Strophen in Paarreim, was ihm einen volksliedhaften, eingängigen Rhythmus verleiht. Morgenstern mischt alltägliche Wörter wie «schießen», «Roggenbrot» und den banalen Vornamen Emma mit ungewöhnlichen, fast altertümlichen Ausdrücken wie «Flaus», «Zibeben» und «wofern». Diese Mischung erzeugt den typischen Ton der «Galgenlieder»: scheinbar naiv, aber in jedem Wort genau gesetzt. Die Möwe wird nicht als erhabenes Symbol gefeiert, sondern als konkretes Wesen mit weichem Gefieder, das man schießen oder füttern kann. Der Sprecher entscheidet sich für das Füttern, und diese Entscheidung ist weniger große Moral als eine kleine, freundliche Geste.
Was das Gedicht bedeutsam macht, ist gerade diese Verbindung aus Unsinn und tieferer Einsicht. Emma ist ein gewöhnlicher Name, das Gegenteil von wildem Flug, und doch schafft er eine Verwandtschaft, die dem Menschen genügen soll. Die Schlusszeile klingt wie eine parodistische Lebensweisheit: Zufriedenheit mit dem, was man ist – sogar mit einem Namen, der einen an Möwen erinnert. So wird aus einer scheinbar absurden Beobachtung eine sanfte Lektion über Demut, Nähe und die Schönheit dessen, was man nicht erzwingen kann.