Am Teich steht Palmström, entfaltet groß ein rotes Taschentuch und zeigt, was darauf abgebildet ist: eine Eiche und ein Mensch mit einem Buch. Zunächst wirkt die Szene fast idyllisch. Doch der eigentliche Vorgang ist ein Nicht-Vorgang: Palmström wagt nicht, sich hineinzuschneuzen. Damit ist der komische Konflikt gesetzt. Ein Taschentuch dient normalerweise dem Gebrauch, dieses aber trägt eine kleine Zeichnung. Für Palmström verwandelt sich der Gebrauchsgegenstand in ein Kunstwerk; wer sich schneuzt, würde Eiche und lesenden Menschen zerstören. So verzichtet er. Die zentrale Idee liegt in diesem Zögern: Die Ehrfurcht vor dem Schönen kann alltägliches Handeln unterbrechen, fast lächerlich machen – und dennoch steckt hinter der Komik ein ernstes Gefühl.
Der Text besteht aus drei vierzeiligen Strophen. Die erste Strophe reimt über Kreuz: Teiche auf Eiche, Taschentuch auf Buch. Schon im Klang wird so verbunden, was auf dem Tuch gemeinsam erscheint: Natur und Kultur, Baum und Buch. Die ältere Dativform Teiche verleiht der scheinbar banalen Szene zudem einen leise gehobenen Ton. Die mittlere Strophe wechselt zu Paarreimen – hineinzuschneuzen/Käuzen, nackt/packt – und erzeugt einen plötzlichen, fast überstürzten Ton, als würde Palmströms Ehrfurcht auch den Rhythmus umwerfen. Die dritte Strophe kehrt zum Kreuzreim zurück: zusammen/verdammen, entbreitet/entschreitet. Dadurch beruhigt sich die Bewegung und wird fast feierlich. Schon das Verb entfaltet klingt feierlicher als ein alltägliches »aufmachen«; es kündigt an, dass hier etwas vor Augen geführt wird.
Die Bildwörter sind bewusst einfach: das rote Tuch, die Eiche, der Mensch mit dem Buch. Gerade die Schlichtheit macht das Taschentuch zu einem kleinen Emblem. Das Rot sticht aus der Teichlandschaft hervor und markiert den Gegenstand als etwas Besonderes. Das Wort Käuzen ist doppeldeutig: Ein Kauz ist ein eigenwilliger Mensch, aber auch ein Vogel; Palmström rückt damit in die Nähe eines Sonderlings. Auffällig ist die Fügung unvermittelt-nackt. Zwei Adjektive stehen eng zusammen und lassen die Ehrfurcht wie einen plötzlichen, ungeschützten Überfall erscheinen. Das Gefühl packt ihn, so legt es die Wortstellung nahe, nackt und unvermittelt, also ohne Vorbereitung und Hülle. Später faltet er das Tuch zärtlich zusammen; das zärtliche Handeln gilt einem Gegenstand, den er gerade noch benutzen wollte. Das ungewöhnliche Wort ungeschneuzt am Ende ist ein sprachlicher Fund: Es verwandelt einen banalen Alltagsvorgang in ein fast feierliches Adjektiv und hält fest, dass Palmström ungeschneuzt, aber aus freier Entscheidung, abtritt.
Christian Morgenstern, bekannt für seine sprachspielerischen Verse, hat Palmström als liebenswürdigen Sonderling erfunden. Die Bedeutung des Textes liegt darin, dass aus einer Banalität eine kleine Parabel über ästhetisches Empfinden wird. Morgenstern verlacht Palmström nicht einfach. Die Schlusszeile »kein Fühlender wird ihn verdammen« nimmt den Sonderling in Schutz. Wer je gezögert hat, etwas Schönes zu beschädigen, versteht die komische Handlung. Palmströms Respekt vor dem gemalten Bild ist übertrieben, aber in der Übertreibung wird sichtbar, wie stark Schönheit und Kunst unser Verhalten beeinflussen können – selbst bei einem banalen Schnupfen. Zugleich zeigt der Text Morgensterns typische Sprachlust: Das einzige, fast unsinnige Wort ungeschneuzt schließt den Vorgang würdevoll ab. So verbindet das Gedicht feinen Humor mit einer ernsten Beobachtung: Das Schöne kann stören, verzögern, verunsichern – und gerade darin zeigt sich seine Macht.