„Genug ist nicht genug!“ – mit diesem Widerspruch, der wie ein Befehl klingt, hebt Conrad Ferdinand Meyers «Fülle» an. Schon der Titel gibt das Thema vor: Fülle meint hier nicht bloß eine reiche Ernte, sondern einen Zustand, der über das Notwendige hinausgeht. Drei Strophen lang wiederholt sich der Ruf, und mit jeder Strophe weitet er sich aus: vom Obstgarten über die Insektenwelt bis zum Dichtergeist.
Das Gedicht ist streng gebaut: drei vierzeilige Strophen mit umarmendem Reim, getragen von einem gleichmäßigen, fast schreitenden Rhythmus. Gerade diese feste Form steht in reizvollem Spannungsverhältnis zum Inhalt, der immer mehr Fülle verlangt. Die erste Strophe ruft die Dinge herbei: „Gepriesen werde / Der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte!“ Die Negation „kein Ast“ macht die Üppigkeit absolut; nichts bleibt leer. Doch die Fülle ist nicht leicht. „Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte“ – die Zweige tragen schwer, und der Apfel „fällt mit dumpfem Laut zur Erde.“ In diesem dumpfen Laut meldet sich eine dunkle, fast leidvolle Seite der Überfülle; der Sturz klingt wie ein Paukenschlag unter der Lobpreisung.
Die zweite Strophe öffnet die Szene ins Lebendige. „Es lacht im Laube!“ – das Laub bekommt ein Gesicht, und die Pfirsche „hat dem Munde zugewunken.“ Hier bietet sich die Frucht beinahe verlockend an. Eine Wespe summt „ein helles Zechlied“ und ist „trunken“ um eine Traube. Die Wörter „Zechlied“ und „trunken“ verschieben den Herbst in die Nähe von Wein und Rausch. Die kleine Szene ist voller Bewegung und Laut; das Summen wird hörbar, das Zuwinken sichtbar. Der Refrain erscheint dabei nicht als Unterbrechung, sondern wie ein Atemholen zwischen den Bildern.
Mit der dritten Strophe wendet sich das Gedicht nach innen. „Mit vollen Zügen / Schlürft Dichtergeist am Borne des Genußes“ – aus der herbstlichen Landschaft wird ein Bild für das schöpferische Verlangen. Das altertümliche Wort „Born“ verleiht der Zeile etwas Quellhaftes, fast Archaisches; der Dichtergeist trinkt nicht, er „schlürft“. Auch das Herz, heißt es, „bedarf des Ueberflußes“. Damit verlässt das Gedicht das bloße Naturbild und wird zu einem Bekenntnis: Nicht der Mangel, sondern das Zuviel ist die eigentliche Lebenskraft. Die Schlusszeile „Genug kann nie und nimmermehr genügen!“ treibt diese Haltung auf die Spitze. Das doppelte „nie und nimmermehr“ ist eine absolute Verneinung; es gibt keinen Zustand, in dem das Genügen eintritt. Auffällig ist zudem, wie sich „Genug“, „Genuß“ und „genügen“ klanglich verflechten – die Begriffe für Sättigung und Genuss entspringen derselben Wurzel, sodass das Gedicht auch auf der Lautebene nicht zur Ruhe kommt.
Die Besonderheit von Meyers «Fülle» liegt darin, dass es sich als Stimmungsbild und ästhetische Maxime zugleich lesen lässt. Die strenge Form mit ihren umarmenden Reimen und dem wiederkehrenden Einsatz hält die überbordenden Bilder zusammen, als müsse der Überfluss gebändigt werden, um Kunst zu werden. Der Ruf „Genug ist nicht genug!“ kann dabei beides bedeuten: eine freudige Gier nach Schönheit und eine ruhelose Unersättlichkeit, die nie zur Ruhe kommt. Diese Mehrdeutigkeit gibt dem schmalen Gedicht sein Gewicht. Es feiert den Herbst nicht als beschauliche Erntezeit, sondern als Zustand, in dem die Welt vor Fülle fast zerspringt – und in dem das menschliche Herz sich weigert, genug zu haben.