In Else Lasker-Schülers Gedicht «Ich weiß» spricht ein lyrisches Ich, das die Schönheit eines Gegenübers durchschaut und sich dennoch bewusst für den schönen Schein entscheidet. Damit entfaltet das Gedicht einen Widerspruch, der es spannend macht: Das Ich weiß, dass es belogen wird, und will trotzdem glauben.
Gleich die erste Strophe setzt dieses Wissen gegen den äußeren Eindruck. Die „frommen Augen“ lügen, und was „stolz von deiner Stirne thront“, hat im Herzen „nie gewohnt“. Gesicht und Herz, Schein und Wesen treten auseinander. Das wiederholte „Ich weiß“ klingt dabei wie eine trotzige Selbstversicherung, als müsse sich das Ich an eine unbequeme Wahrheit klammern. Die zentrale Spannung verdichtet sich später in dem Vers „du bist schlecht, ich weiß, doch du bist schön!“ – nicht die Tugend, sondern die Schönheit hat das letzte Wort.
Formal ist der Text streng gebaut: fünf vierzeilige Strophen mit Kreuzreimen und einem ruhigen jambischen Grundrhythmus, überwiegend fünfhebig. Diese beinahe liedhafte Ordnung steht in reizvollem Kontrast zum unruhigen Inhalt, der um Lüge, Schuld und verborgene Begierde kreist. Auch der Satzbau trägt den Widerspruch: Auf die klare Feststellung folgen Bilder, die das Sichtbare als Trug enthüllen.
Die Bildsprache lebt von paradoxen Verbindungen. Das „Lächeln kindeshelle“ ist „nur ein Lichtstrahl, der auf dir erfror“ – die kindliche Helligkeit ist kein warmes Leben, sondern erstarrtes Licht. Die „spielgehobn’e Welle“ der Locken verbirgt ein „heimlich sündenhorchend Ohr“; das verspielte Äußere wird zum Versteck für ein Ohr, das sich der Sünde zuneigt. Besonders stark ist die dritte Strophe: Unter der „keuschen Hülle“ der Scham regt sich der Leib „wie eine weiße Schlange“. Das Weiß ist hier nicht unschuldig, sondern schillernd; die Schlange erinnert an Verführung, und gerade die Verbindung von Reinheit und Gefahr macht das Bild unheimlich. Scham und Keuschheit erscheinen nur als Hülle, nicht als Wesen.
Die letzten beiden Strophen wechseln von der Beobachtung zum Entschluss. Das Ich will den „goldnen Schleier“, der die „schwarze Nacht“ der Seele verdeckt, nicht heben. Es will „in deinen Zügen gläubig lesen / Der Schönheit ew’ges himmlisches Gedicht“. Auffällig ist das Wort „gläubig“: Es greift die anfangs verurteilte Frömmigkeit auf und macht das Ich selbst zu einem Gläubigen – nur gilt dieser Glaube nicht der Wahrheit, sondern dem ästhetischen Schein. Das Gesicht wird wie ein heiliger Text gelesen, obwohl das Ich weiß, dass dieser Text lügt. Auch das feierliche „nimmer“ gibt dem Entschluss etwas von einem Gelöbnis.
Der letzte Vers nennt den Grund für die Flucht in den Schein: Gott gab dem Du „mehr … als ein Angesicht“, also ein Inneres, das sich nicht auf Schönheit reduzieren lässt. Genau dieses Mehr will das Ich vergessen. Darin liegt die eigentümliche Radikalität des Gedichts: Es rechtfertigt die Täuschung nicht und verurteilt das schöne Du nicht einfach. Es hält vielmehr fest, dass ein Mensch bei klarem Wissen am Glanz der Oberfläche festhalten kann. Lasker-Schüler zeigt, wie stark das Bedürfnis sein kann, ein Gesicht als „himmlisches Gedicht“ zu lesen, obwohl das Herz eine „schwarze Nacht“ ist. So berührt das Gedicht eine Frage, die über die Liebeslyrik hinausgeht: Was gilt mehr – die Wahrheit über einen Menschen oder die Schönheit, die man in ihm sehen will?