Der Titel «Weltende» kündigt eine Apokalypse an, doch Else Lasker-Schüler schildert keinen äußeren Untergang mit Feuer und Trümmern, sondern einen inneren Zustand: Die Welt ist von Weinen erfüllt, als sei der liebe Gott gestorben. Damit ist die zentrale Idee benannt – das Gedicht spricht von metaphysischer Verlassenheit, in der das Leben selbst wie in Särgen liegt. Die einzige Antwort des lyrischen Ichs ist die Flucht in eine intime Nähe: Komm, wir wollen uns näher verbergen. Nur die Berührung zweier Menschen scheint dem erdrückenden Schatten noch etwas entgegensetzen zu können.
Die Form spiegelt diese Erschütterung. Die erste Strophe wirkt mit ihren vier Zeilen noch am geschlossensten: wär und grabeschwer reimen sich schwer und dumpf, und das Wort niederfällt steht am Zeilenende, bevor der nächste Vers mit Lastet beginnt – so wird das Herabsinken auch im Druckbild erfahrbar. Danach löst sich die Ordnung auf. Die zweite Strophe hat drei Zeilen, die dritte ebenfalls; die Sätze werden knapper, unterbrochen von Gedankenstrichen und Auslassungspunkten. In der zweiten Strophe reimen sich Herzen und Särgen, als wären die Gefühle klanglich bereits in die Todesbilder eingeschlossen. Nach näher verbergen stockt der Vers, als wollte das Ich mit dem Du tatsächlich im Verborgenen verschwinden. Der Rhythmus ist unruhig, fast atemlos, weil die Zeilen unterschiedlich lang sind und die Betonungen immer wieder ins Stocken geraten.
Die Bildwelt ist von Schwere und Tod durchzogen. Das Weinen wird keinem einzelnen Menschen zugeschrieben; es gibt ein Weinen in der Welt, als wäre die Schöpfung selbst in Trauer. Die vertraute Wendung der liebe Gott macht den Verlust persönlich: Es geht nicht um eine abstrakte Gottheit, sondern um den nahen, fast kindlich angerufenen Gott. Der Schatten ist bleiern, also schwer und stumpf, und lastet grabeschwer. Besonders eindringlich ist das Bild vom Leben, das in aller Herzen wie in Särgen liegt. Nicht der Tod liegt im Herzen, sondern das Leben selbst ist eingesargt. Das Herz, sonst Ort der Gefühle und des Lebendigen, wird zum Sarg. Diese Umkehrung macht die innere Leblosigkeit spürbar, die das Gedicht meint.
Gegen diese Starre setzt das lyrische Ich eine intensive Zuwendung: Komm, wir wollen uns näher verbergen … Du! wir wollen uns tief küssen. Der Imperativ Komm und der Ausruf Du! wirken drängend. Der Kuss ist dabei nicht zart, sondern tief – er reicht in die Tiefe des Körpers und der Angst hinein. In der sterbenden Welt wird Nähe zum Versteck und zur Auflehnung zugleich. Doch sie ist nicht ungefährdet. Die letzten Zeilen führen die Sehnsucht ein: Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, / An der wir sterben müssen. Das Verb pocht schillert zwischen Klopfen, wie an einer Tür, und Herzschlag. Die Sehnsucht wird so zu einer pochenden, lebendigen Macht. Das Relativpronomen der kann sich grammatisch sowohl auf Welt als auch auf Sehnsucht beziehen. Dadurch bleibt offen, ob wir an dieser Welt sterben müssen oder an dieser Sehnsucht. Liebe und Tod, Verlangen und Untergang sind untrennbar miteinander verknüpft.
Die Bedeutung des Gedichts liegt in dieser Verbindung von kosmischer Katastrophe und privater Empfindung. Es braucht keine Beschreibung des Jüngsten Gerichts, sondern macht den Weltuntergang als Gefühl erfahrbar. In nur zehn Zeilen verdichtet es Klage, Gottesverlust, Todesnähe und Liebesdrang zu einer Szene, die beklemmend und zugleich zärtlich wirkt. Gerade der Widerspruch zwischen dem Grabesschatten und dem tiefen Kuss gibt dem Text seine Spannung. Das Weltende ist hier kein fernes Ereignis, sondern geschieht zwischen zwei Menschen, die sich verbergen und küssen, während die Sehnsucht an die Welt pocht. Diese radikale Subjektivität macht den Text zu einem eindrucksvollen Beispiel moderner Lyrik.