Heinrich Heines Ballade „Belsatzar“ erzählt eine Nacht des Übermuts und des jähen Sturzes. Babylon liegt in mitternächtlicher Stille, nur oben im Königsschloss lärmt das Gelage. Belsatzar betrinkt sich, verhöhnt Gott und entweiht geraubte Tempelgefäße. Auf dem Höhepunkt seiner Lästerung erscheint an der weißen Wand eine Menschenhand und schreibt flammende Buchstaben. Keiner der Magier kann die Schrift deuten; noch in derselben Nacht wird der König von seinen eigenen Knechten getötet. Im Kern steht die Bestrafung von Hochmut und Gotteslästerung: Gerade dort, wo menschliche Macht sich für unantastbar hält, schlägt eine stille, überlegene Instanz zu.
Die Bauweise treibt das Geschehen unaufhaltsam voran. Die Zeilen sind meist vierhebig und reimen paarweise, wodurch ein rascher, fast liedhafter Sog entsteht. Schon die ersten Verse markieren den Gegensatz, der die ganze Ballade trägt: „In stummer Ruh lag Babylon“ – doch „oben, in des Königs Schloß, / Da flackert’s, da lärmt des Königs Troß.“ Der Lärm des Menschen wird gegen die schweigende Nacht gesetzt, und genau aus dieser Stille heraus wird später die unheimliche Antwort kommen. Auffällig ist auch der Ausruf „Und sieh! und sieh!“: Mitten im raschen Erzählfluss unterbricht er den Ton und zwingt zum Innehalten, als würde man selbst die Hand an der Wand erblicken.
Die Wortwahl arbeitet mit starken Hell-dunkel-Kontrasten. Anfangs glühen die Wangen des Königs, der Wein funkelt, die Becher klirren, die Knechte jauchzen. Belsatzar wird dabei immer mehr zum Gefangenen seiner eigenen Kühnheit: „Im Wein erwuchs ihm kecker Muth“, und dieser Mut reißt ihn „blindlings“ fort. Der entscheidende Frevel ist die Entweihung des „heiligen Bechers“. Aus dem Tempel Jehovas geraubt, wird das Gefäß am Königsmahl missbraucht; der König leert es „mit frevler Hand“ und ruft „Jehovah! dir künd’ ich auf ewig Hohn“. Kaum ist das „grause Wort“ verklungen, wird es ihm „heimlich im Busen bang“, und das Lachen erstirbt zum „leichenstill[en]“ Saal. Die weiße Wand und die „Buchstaben von Feuer“ bilden den Bildkern der Ballade. Auch das Verb „schreiben“ erscheint in auffälliger Wiederholung: Die unheimliche Hand schreibt nicht nur, sie „schrieb, und schrieb … und schrieb und schwand“. Dadurch wird die Schrift selbst zur Hauptsache, obwohl man ihren Inhalt nie erfährt.
Die Bedeutung dieser Ballade liegt in ihrer Konsequenz und Knappheit. Heine erzählt keine moralische Lehre aus, er zeigt nur die Bilder: das Gelage, den Frevel, die Hand, die Schrift, das Entsetzen. Anders als in der biblischen Vorlage verzichtet er auf die Deutung der Flammenschrift; bei ihm bleibt sie ein unaufgelöstes Zeichen. Gerade diese Leerstelle macht die Ballade so unheimlich. Der Schrecken dringt dabei vom äußeren Lärm nach innen – „mit schlotternden Knien und todtenblaß“ sitzt der König da, die Knechte sind „kalt durchgraut“. Dass Belsatzar am Ende nicht von einem feindlichen Heer, sondern von seinen eigenen Knechten umgebracht wird, verstärkt den Gedanken: Der Sturz kommt nicht nur von oben, sondern zugleich aus dem Inneren der Macht. So wird aus der biblischen Geschichte ein gespenstisch dichter Text über die Grenzen menschlicher Selbstherrlichkeit.