„Belsatzar“ erzählt die biblische Geschichte als gespenstische Ballade: König Belsatzar feiert nachts in Babylon ein lärmendes Gelage, während die Stadt in stummer Ruhe liegt. Der Wein macht ihn übermütig; er lästert Gott und trinkt höhnisch aus einem heiligen Gefäß, das aus dem Tempel Jehovas geraubt wurde. Kaum ruft er seinen Spott aus, wird ihm unheimlich zumute, das Lachen erstirbt, und an der weißen Wand erscheint eine geisterhafte Hand, die feurige Buchstaben schreibt und wieder verschwindet. Die Knechte erstarren vor Angst, die Magier können die Schrift nicht deuten, und noch in derselben Nacht wird Belsatzar von seinen Knechten getötet. Die Erzählstimme bleibt kühl und balladenhaft knapp, fast wie ein düsteres Volkslied. So entsteht eine unheimliche, spannungsvolle Stimmung: Auf lärmende Prahlerei folgt leichenstille Angst, und die Strafe wirkt unausweichlich.
Belsatzar — Zusammenfassung
Die Mitternacht zog näher schon; In stummer Ruh lag Babylon.
Nur oben, in des Königs Schloß, Da flackert’s, da lärmt des Königs Troß,
Dort oben, in dem Königssaal, Belsatzar hielt sein Königsmahl.
Die Knechte saßen in schimmernden Reih’n, Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.
Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht’; So klang es dem störrigen Könige recht.
Des Königs Wangen leuchten Glut; Im Wein erwuchs ihm kecker Muth.
Und blindlings reißt der Muth ihn fort; Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.
Und er brüstet sich frech, und lästert wild; Die Knechtenschaar ihm Beifall brüllt.
Der König rief mit stolzem Blick; Der Diener eilt und kehrt zurück.
Er trug viel gülden Geräth auf dem Haupt; Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.
Und der König ergriff mit frevler Hand Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand’.
Und er leert ihn hastig bis auf den Grund, Und rufet laut mit schäumendem Mund:
Jehovah! dir künd’ ich auf ewig Hohn, – Ich bin der König von Babylon!
Doch kaum das grause Wort verklang, Dem König ward’s heimlich im Busen bang.
Das gellende Lachen verstummte zumal; Es wurde leichenstill im Saal.
Und sieh! und sieh! an weißer Wand Da kam’s hervor wie Menschenhand;
Und schrieb, und schrieb an weißer Wand Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.
Der König stieren Blicks da saß, Mit schlotternden Knien und todtenblaß.
Die Knechtenschaar saß kalt durchgraut, Und saß gar still, gab keinen Laut.
Die Magier kamen, doch keiner verstand Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.
Belsatzar ward aber in selbiger Nacht Von seinen Knechten umgebracht.