Das Göttliche — Zusammenfassung

Edel sey der Mensch, Hülfreich und gut! Denn das allein Unterscheidet ihn, Von allen Wesen, Die wir kennen.

Heil den unbekannten Höhern Wesen, Die wir ahnden! Sein Beyspiel lehr’ uns Jene glauben.

Denn unfühlend Ist die Natur: Es leuchtet die Sonne Über Bös’ und Gute, Und dem Verbrecher Glänzen wie dem Besten Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme, Donner und Hagel Rauschen ihren Weg, Und ergreifen, Vorüber eilend, Einen um den andern.

Auch so das Glück Tappt unter die Menge, Faßt bald des Knaben Lockige Unschuld, Bald auch den kahlen Schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen, Großen Gesetzen, Müssen wir alle Unseres Daseyns Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch Vermag das Unmögliche: Er unterscheidet, Wählet und richtet; Er kann dem Augenblick Dauer verleihen.

Er allein darf Den Guten lohnen, Den Bösen strafen; Heilen und retten Alles Irrende, Schweifende Nützlich verbinden.

Und wir verehren Die Unsterblichen, Als wären sie Menschen, Thäten im Großen, Was der Beste im Kleinen Thut oder möchte.

Der edle Mensch Sey hülfreich und gut! Unermüdlich schaff’ er Das Nützliche, Rechte, Sey uns ein Vorbild Jener geahndeten Wesen!

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Im Gedicht ruft Goethe den Menschen zu, edel, hilfreich und gut zu sein. Dieser Satz ist nicht nur eine Feststellung, sondern ein Appell an den Leser. Genau darin, in Güte und Hilfsbereitschaft, unterscheide sich der Mensch von der gleichgültigen Natur: Sonne, Mond und Stürme machen keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, das Schicksal trifft Schuldige und Unschuldige gleichermaßen. Gleichzeitig verneigt sich der Sprecher vor unbekannten höheren Wesen, die der Mensch nur erahnen kann.

Der Sprecher wirkt ernst, fast feierlich, aber nicht hoffnungslos. Er setzt dem blinden Naturlauf bewusst die menschliche Fähigkeit entgegen, zu wählen, zu urteilen, zu belohnen und zu strafen. So kann der Mensch dem flüchtigen Augenblick Dauer geben und ein Vorbild für jene höheren, nur geahnten Wesen sein. Die Stimmung ist deshalb erhebend und appellativ: Der Mensch wird nicht klein geredet, sondern zu einer fast göttlichen Aufgabe aufgerufen – das Gute aus eigener Kraft zu verwirklichen.

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