Im Mittelpunkt von Eichendorffs «Abschied» steht nicht einfach ein Lebewohl an eine schöne Landschaft, sondern eine Verwandlung: Was der Sprecher im Wald erfährt, wird zu einem inneren Besitz, der ihn in die Fremde begleitet. Gleich zu Beginn redet er Täler, Höhen und Wald feierlich mit „O“ und „du“ an; die weite Geste „O Thäler weit, o Höhen“ öffnet den Raum wie einen Atemzug. Der Wald ist für ihn kein bloßer Ort, sondern ein „andächt’ger Aufenthalt“, ein heiliger Raum der Einkehr, in dem sich „Lust und Wehen“ begegnen. Gegenüber steht „da draußen“ die „geschäft’ge Welt“, in der man „stets betrogen“ wird; das Verb „saust“ macht ihre Ruhelosigkeit hörbar. Auffällig ist das Bild vom „grünen Zelt“: Der Wald erscheint nicht als unüberschaubare Wildnis, sondern als schützende Hülle, die den Sprecher für einen Moment noch einmal umschließen soll, bevor er aufbricht.
Die zweite Strophe entwirft einen Morgen voller Licht und Klang: „Die Erde dampft und blinkt, / Die Vögel lustig schlagen, / Daß dir dein Herz erklingt.“ Die Fügung „dampft und blinkt“ verbindet Feuchte und Glanz, zwei Sinneswahrnehmungen, die den Morgen fast körperlich spürbar machen; die Vögel wecken im Herzen einen Widerhall, sodass Außen und Innen einander antworten. In dieser morgendlichen Frische darf das „trübe Erdenleid“ vergehen und verwehen, und der Mensch soll „auferstehen / In junger Herrlichkeit!“ Die Wörter „vergehn“ und „verwehen“ lösen das Leid in Bewegung und Wind auf, während „auferstehen“ und „Herrlichkeit“ dem Naturerleben einen religiösen Klang geben. Der Wald wird zu einem Ort, an dem nicht nur die Erde, sondern auch das Ich neu zu leuchten beginnt.
In der dritten Strophe verändert sich das Bild: Der Wald wird lesbar wie eine Schrift. „Da steht im Wald geschrieben / Ein stilles, ernstes Wort / Von rechtem Thun und Lieben, / Und was des Menschen Hort.“ Dieses Wort ist ethisch; es spricht vom richtigen Handeln und von der Liebe als dem, was den Menschen trägt. Dass es „still“ ist, unterscheidet es von der lärmenden Welt, dass es „ernst“ ist, gibt ihm Gewicht. Der Sprecher betont, er habe „treu gelesen / Die Worte, schlicht und wahr“. Es geht also nicht um kluge Deutung, sondern um Hingabe, und die Worte selbst sind nicht prunkvoll, sondern einfach. Die Folge ist eine Erkenntnis, die den ganzen Menschen erfasst: „Und durch mein ganzes Wesen / Ward’s unaussprechlich klar.“ Gerade das scheinbar Widersprüchliche – eine Klarheit, die sich nicht aussprechen lässt – macht den Kern aus: Die wichtigste Erfahrung liegt jenseits der Worte, sie durchdringt das Wesen unmittelbar.
Die letzte Strophe blickt in die Zukunft. Bald wird der Sprecher den Wald verlassen, „fremd in der Fremde geh’n“ und auf „buntbewegten Gassen / Des Lebens Schauspiel seh’n“. Die doppelte Fremdheit verstärkt die Entfremdung in der geschäftigen Welt; das zusammengesetzte Adjektiv „buntbewegt“ malt Unruhe und Farbigkeit, und „Schauspiel“ macht das Leben zur Bühne, auf der der Einzelne nur Zuschauer bleibt. Doch mitten in diesem Leben soll die „Gewalt“ des Ernstes aus dem Wald den Einsamen erheben, „so wird mein Herz nicht alt.“ Das Wort „erheben“ klingt an das Auferstehen der zweiten Strophe an und verwandelt die Einsamkeit: Sie wird keine Verlassenheit, sondern ein stiller Standpunkt, von dem aus das Herz sich erneuern kann. Der Abschied ist damit kein Ende; die Kraft des Waldes geht ins Innere über und hält das Herz lebendig.
Die vier gleich gebauten Strophen aus je acht kurzen Zeilen mit regelmäßigem Wechselreim wirken liedhaft; die vielen Ausrufe und Anreden geben dem Gedicht etwas Inniges, fast Gebethaftes. Eichendorff, ein Dichter der deutschen Romantik, verbindet hier Natur, Religion und Innerlichkeit. Das Gedicht ist bedeutsam, weil es aus dem Abschied keinen reinen Verlust macht: Wer die Natur aufmerksam und treu „liest“, kann in die laute Welt gehen, ohne sich in ihr zu verlieren. Der Wald bleibt als stilles, ernstes Wort in ihm. Diese Bewegung von außen nach innen ist typisch romantisch und zugleich über die Epoche hinaus gültig: Der äußere Ort wird zur inneren Haltung.