Ein schlafendes Lied, eine Wünschelrute, ein Zauberwort – Joseph von Eichendorffs vierzeiliges Gedicht entfaltet aus diesen wenigen Wörtern eine ganze Poetik. Es spricht von einem Lied, das in allen Dingen schläft und in den Dingen „fort und fort“ weiterträumt. Die unbelebte Welt wird dabei nicht als totes Material aufgefasst, sondern als Schlummerndes mit eigenem Innenleben. Erst wenn der Mensch das richtige Wort findet, beginnt die Welt zu singen. Die zentrale Vorstellung ist also: Die sichtbare Welt ist von einer verborgenen musikalischen Tiefe durchzogen, und die Dichtung besitzt die Kraft, diese Tiefe hörbar zu machen. Das Gedicht formuliert damit einen hohen Anspruch an die Poesie, der weit über bloßes Beschreiben hinausgeht.
Formal gleicht der Text einem Zauberspruch. Er besteht aus nur einer Strophe mit vier Versen, die im Kreuzreim miteinander verbunden sind: Dingen – fort – singen – Zauberwort. Das Metrum ist ein ruhiger vierhebiger Trochäus; die ungeraden Zeilen enden mit einer unbetonten Silbe, die geraden mit einer betonten, sodass ein schwebender Wechsel von Auf- und Abklang entsteht. Schon die Lautgestalt der ersten Zeile mit ihren weichen s-Lauten und Nasalen – „Schläft ein Lied in allen Dingen“ – wiegt den Leser in jenen Halbschlaf, von dem sie spricht. Die Kürze ist selbst Bedeutung: Ein Zauberspruch braucht keine lange Erklärung, sondern die treffende Formel. Zugleich zieht die Anrede „du“ den Leser in das Geschehen hinein und macht ihn zu einem Suchenden, der die Wünschelrute in der Hand hält.
Auffällig ist die paradoxe Verbindung von Stille und Musik. Das Lied schläft, die Dinge träumen, und doch zielt alles auf Gesang. Die Welt ist nicht stumm, sondern voller ungehörter Melodien. Das Verb „triffst“ ist doppeldeutig: Es meint sowohl das genaue Auffinden als auch ein fast körperliches Berühren, wie das Anschlagen einer Saite. Wer das Zauberwort trifft, bringt die Welt nicht nur zum Sprechen, sondern zum Singen. Dabei steht „Zauberwort“ an letzter, stark betonter Stelle und reimt sich auf „fort“; der fortwährende Traum der Dinge wird so unmittelbar an den einen erlösenden Begriff gebunden. Auch das unscheinbare „nur“ in der letzten Zeile trägt großes Gewicht: Gefordert sind nicht viele Worte, sondern das eine, richtige. Der Titel macht das Verfahren sichtbar: Eine Wünschelrute sucht eigentlich Wasser oder Erz, hier aber sucht sie das verborgene Lied. Das Gedicht selbst wird zur Wünschelrute, weil es den Leser auf die Suche nach dem magischen Schlüsselwort schickt.
Diese Verbindung von Traum, Musik und Magie kennzeichnet die deutsche Romantik, als einer von deren bedeutendsten Lyrikern Eichendorff gilt. In den vier Zeilen verdichtet sich eine poetische Programmschrift: Die Dichtung soll die Welt verwandeln, indem sie das Innere der Dinge zum Klingen bringt. Gerade die Schlichtheit der Form zeigt, dass romantische Poesie nicht nur schmückt, sondern eine besondere Form der Erkenntnis sein will. Das Zauberwort ist deshalb kein beliebiges magisches Requisit, sondern ein Bild für die Sprache selbst – für jene Sprache, die nicht nur bezeichnet, sondern aufschließt. Wer das Gedicht liest, vollzieht diese Suche nach: Aus den schlafenden Silben steigt für einen Moment die Ahnung auf, dass alles, was ist, ein Lied in sich trägt. In dieser Verdichtung liegt die besondere Wirkung des Textes.