Wie klingt ein Leben, wenn man es am Ende nüchtern addiert? In Theodor Fontanes Gedicht «Summa Summarum» spricht ein Ich, das mit siebzig Jahren Bilanz zieht – und schon die Aufzählung der Errungenschaften nimmt jede Größe zurück. Was auf den ersten Blick nach einer respektablen bürgerlichen Existenz aussieht, wird Zeile für Zeile mit Verkleinerungsformen zurechtgestutzt: eine «kleine Stellung», ein «kleiner Orden», «ein bißchen Namen, ein bißchen Ehre». Bereits der lateinische Titel klingt nach kaufmännischer Endabrechnung, nach der Summe aller Summen. Doch was hier addiert wird, sind keine großen Taten, sondern lauter hübsche Nebensachen.
Dazu passt der ironische Plauderton, den die Paarreime tragen: «Orden» reimt auf «geworden», «Jubiläumsfeier» auf «Meyer». Die Verse sind unregelmäßig lang und wirken wie beiläufig hingesprochen; die Parenthese «(Fast wär’ ich auch mal Hofrat geworden)» schiebt ein augenzwinkerndes Beinahe hinterher. So entsteht der Eindruck einer mündlichen Inventur: Da sitzt jemand und zählt sein Leben an den Fingern ab, ohne Pathos, aber auch ohne echte Zufriedenheit. Das Wort «fast» ist dabei vielleicht das wichtigste: Es bezeichnet eine verpasste Gelegenheit, die im Rückblick ebenso viel zählt wie das Erreichte.
Was aufgezählt wird, ist eine Reihe von äußeren Anerkennungen. Eine Tochter «geprüft», ein Sohn im Heere – die Anführungszeichen bei «geprüft» legen eine leise Skepsis nahe: Ein Mensch wird auf seinen Ausbildungsstand oder seine Nützlichkeit reduziert. Auch der Eintrag in den Nachschlagewerken Brockhaus und Meyer ist kein Ruhm, sondern nur ein Posten in der Bilanz. Die drei Punkte nach «Meyer» deuten ein müdes Stocken an, als wolle der Sprecher noch mehr aufzählen, aber es fällt ihm nicht mehr ein. Dann folgt der knappe Satz «Altpreußischer Durchschnitt.» Darin steckt viel: ein Lebensweg, der nach den Maßstäben des alten Preußen als gelungen gilt – Amt, Orden, Familie, Militär, Jubiläum – und doch nur Durchschnitt ist.
Der zweite Teil des Gedichts nennt das eigentliche Ergebnis. Auf die lateinische Würde von «Summa Summarum» folgt ein komischer, fast kindischer Klang: «Es drehte sich immer um Lirum Larum, / Um Lirum Larum Löffelstiel.» Dieser Ausdruck erinnert an einen Kinderreim und meint leeres, nutzloses Hin und Her. Die Wiederholung von «Lirum Larum» verstärkt das Singsangartige, fast Tröstliche, aber auch das Sinnlose. Die Buchhaltung des Lebens wird durch einen Nonsensvers abgelöst. Genau darin liegt die Pointe: Das Dasein hatte Titel, Feste, Orden und Lexikonartikel, aber keinen eigentlichen Inhalt. Die Schlusszeile ist darum so kurz und hart: «Alles in allem – es war nicht viel.» Sie ist eine Bilanz, die sich nicht mehr hinter Ironie versteckt.
Was das Gedicht bedeutend macht, ist diese leise, selbstironische Abrechnung mit dem bürgerlichen Erfolg. Fontane braucht keine große Anklage; er lässt das Ich freundlich und müde Bilanz ziehen, und gerade weil der Ton fast heiter bleibt, wirkt der Schluss wie ein ehrliches Urteil. Die «Summa Summarum» eines ganzen Lebens mündet in eine Nonsenswendung – eine elegante, melancholische Pointe, die weit über das alte Preußen hinausreicht.