Theodor Fontanes »Trost« redet sein Gegenüber unmittelbar an: »Tröste dich, die Stunden eilen.« Schon dieser erste Vers verbindet eine Aufforderung mit ihrer Begründung – wer leidet, soll auf die Bewegung der Zeit blicken. Der Imperativ »Tröste dich« ist dabei doppelt: Er spricht Trost zu und legt dem Angesprochenen zugleich nahe, sich selbst auf die Vergänglichkeit einzulassen. Das Gedicht nennt keinen konkreten Anlass des Kummers; es bleibt offen, was »all’ Dich drücken mag«. Durch diese Offenheit wird der Zuspruch übertragbar. Die zentrale Idee lautet: Nicht die Zusage dauerhaften Glücks spendet Trost, sondern die Gewissheit, dass nichts, auch das Schlimmste nicht, von Dauer ist. »Auch das Schlimmste kann nicht weilen, / Und es kommt ein andrer Tag.«
Formal ist der Text liedhaft gebaut: drei vierzeilige Strophen, Kreuzreime, überwiegend vierhebige Trochäen, wechselnde klingende und stumpfe Endungen. Diese fallende, gleichmäßige Bewegung klingt wie ein ruhiges Zureden, fast wie ein leises Klopfen. Die Reime schließen die Aussagen zu einer kleinen Ordnung zusammen. Auffällig ist die refrainartige Wiederholung: »Und es kommt ein andrer Tag« beendet die erste Strophe als Feststellung, kehrt am Ende der dritten Strophe aber mit einem Gedankenstrich zurück – nun wie ein Atemholen vor der erneuten Gewissheit.
Die mittlere Strophe vertieft den Gedanken. »In dem ew’gen Kommen, Schwinden« stehen die beiden einander entgegengesetzten Substantive unmittelbar nebeneinander; sie bezeichnen keinen Widerspruch, sondern denselben Fluss. Aus diesem Fluss wird nicht nur der Schmerz, sondern auch das Glück verstanden: »Wie der Schmerz liegt auch das Glück.« Das ist der eigentliche Trost – das Glück ist nicht das Gegenteil des Schmerzes, sondern ebenso in die Zeit eingelassen. Deshalb können »heitre Bilder« ihren Weg zurückfinden. Die Formulierung ist zart und fast persönlich: Es sind nicht neue, große Ereignisse nötig; schon Erinnerungen und innere Bilder genügen, um dem bedrückten Menschen etwas von früherer Helligkeit zurückzubringen. Das Verb »finden« gibt ihnen eine eigene, leise Tätigkeit.
Die dritte Strophe verdichtet den Zuspruch zu zwei knappen Imperativen: »Harre, hoffe.« Der kurze Satz nach dem Komma gibt dem Sprechen einen ruhigen, fast gebieterischen Takt. »Nicht vergebens / Zählest Du der Stunden Schlag« wendet sich an eine Ungeduld, die jeden Schlag der Uhr ängstlich registriert. Der »Stunden Schlag« ist mehr als ein akustisches Bild: Er steht für die verrinnende Lebenszeit, deren Zählen erst dann sinnvoll wird, wenn es ein Warten auf den Wechsel ist. »Wechsel ist das Loos des Lebens«, heißt es dann, fast sprichwortartig. Die alte Schreibung »Loos« gibt dem Wort den Klang eines zugeteilten Schicksals, nicht eines bloßen Zufalls. Der Gedankenstrich vor der letzten Zeile setzt eine kleine Pause; danach steht die wiederholte Gewissheit, die nun nicht mehr nur behauptet, sondern im Verlauf des Gedichts begründet worden ist: »Und – es kommt ein andrer Tag.«
Bedeutsam ist das Gedicht durch seine Nüchternheit. Es verspricht keine Erlösung, kein endgültiges Verschwinden alles Schweren und kein besseres Jenseits. Es sagt nur, dass der Schmerz demselben Gesetz der Zeit unterliegt wie alles andere. Gerade so wirkt der Trost erwachsen und glaubwürdig. Wer das Gedicht liest, muss nicht an ein Wunder glauben, sondern kann sich an die beobachtbare Ordnung des Lebens halten. In diesem schlichten, fast volksliedhaften Ton verbinden sich Wärme und Distanz: Die Stimme bleibt ruhig, das Du wird ernst genommen, und die Hoffnung erscheint nicht als Überschwang, sondern als Geduld. Der »andere Tag« ist kein erträumtes Paradies, sondern die nächste Wendung im ewigen Wechsel – und gerade das ist ein Trost, der sich nicht aufzudrängen braucht.