Christian Morgenstern, 1871 in München geboren und 1914 gestorben, ist vielen als Autor der «Galgenlieder» vertraut. In «Der Seufzer» zeigt sich eine leisere Seite seines Schreibens. Das Gedicht erzählt in acht Zeilen von einem Seufzer, der nachts Schlittschuh läuft, von Liebe und Freude träumt, an ein Mädchen denkt, erglüht und im schmelzenden Eis versinkt. Was hier als kleiner Vorgang erscheint, ist ein Gleichnis: Sobald eine unbestimmte Sehnsucht sich zu einem konkreten Wunsch verdichtet, wird sie so heiß, dass sie den Boden unter sich zerstört.
Formal setzt Morgenstern auf volksliedhafte Schlichtheit. Zwei vierzeilige Strophen mit Kreuzreim – Eis und schneeweiß, Freude und Gebäude, Maidelein und ein, stehen und gesehen – sorgen für eine singbare, beinahe kindliche Bewegung. Der Rhythmus ist nicht starr; lange Zeilen wie «Ein Seufzer lief Schlittschuh auf nächtlichem Eis» wechseln mit kürzeren wie «und träumte von Liebe und Freude». Dieses Auf und Ab wirkt selbst wie ein Gleiten über eine Eisfläche, mal weit ausholend, mal stockend. Der Gedankenstrich vor dem letzten Vers markiert einen Bruch: Hier gibt der Boden nach.
Die Wortwahl macht aus einer bloßen Empfindung eine Gestalt. Der «Seufzer» ist grammatisch männlich und wird in der zweiten Strophe mit «er» wiederaufgenommen; er läuft, träumt und bleibt stehen. Das Verb «lief Schlittschuh» hat etwas Leichtes, fast Spielerisches. Zugleich durchziehen s-Laute das ganze Gedicht: Seufzer, Schlittschuh, schneeweiß, Stadtwallgebäude, schmolz, sank. Sie erzeugen ein feines Zischen, als höre man die Kufen oder den Hauch selbst. Die Umgebung ist kalt und hell: «schneeweiß glänzten die Stadtwallgebäude». Das schwere, fast behördenhafte Wort «Stadtwallgebäude» steht in reizvollem Kontrast zu dem zarten Wesen, das sich hier bewegt. In diese klare, gefrorene Welt tritt das «Maidelein» – ein altmodisches, märchenhaftes Diminutiv. Auch «dacht’» und «nimmer» geben dem Ton etwas Archaisches, als stamme das Geschehen aus einem alten Lied.
Die entscheidende Wendung liegt im Erglühen. Der Seufzer träumt zunächst nur allgemein von «Liebe und Freude»; dann denkt er an ein bestimmtes «Maidelein» und bleibt «erglühend stehen». Aus dem Hauch wird Wärme, aus Wärme Glut. Genau diese Glut lässt die Eisbahn unter ihm einschmelzen. Morgenstern zieht also nur die physische Konsequenz aus einem metaphorischen Ausdruck: Wer vor Gefühl erglüht, kann auf dem Eis nicht stehen bleiben. Der Seufzer sinkt und «ward nimmer gesehen». Das klingt nach einem Märchenschluss, doch es gibt keine Rettung, keine Moral. Die beiden letzten Verben «schmolz» und «sank» sind kurz und hart; nach dem Gedankenstrich bleibt eine Leere zurück.
Bedeutend wird das Gedicht durch diese Mischung aus Zartheit und Konsequenz. Es ist kein bloßes Sprachspiel, sondern eine kleine Allegorie über die Selbstgefährdung des Gefühls: Die Sehnsucht braucht den Traum, um zu gleiten; sobald sie sich festlegen will, bringt sie ihre eigene tragende Fläche zum Schmelzen. Gerade weil der Ton leicht bleibt, wirkt der Untergang nicht pathetisch, sondern still und unabwendbar. Darin liegt die besondere Spannung von Morgensterns acht Zeilen – zwischen Kinderreim und Verschwinden, zwischen gleitender Freude und dem kalten Wasser unter der Bahn.