Heinrich Heine führt in acht knappen Zeilen vor, wie ein erhabener Augenblick ernüchtert wird. Ein Fräulein steht am Meer, seufzt „lang und bang“ und ist vom Sonnenuntergang tief gerührt. Ein Sprecher antwortet ihr mit einer trockenen Beruhigung: „Mein Fräulein! seyn Sie munter, / Das ist ein altes Stück.“ Was als romantisches Genrebild beginnt, kippt in eine ironische Erklärung der Natur. Die zentrale Idee ist der Zusammenstoß zweier Haltungen: gefühlvolle Ergriffenheit auf der einen, nüchterne Wiederholung auf der anderen Seite.
Formal wirkt der Text wie ein Volkslied: zwei Vierzeiler mit Kreuzreim, abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen. Die erste und dritte Zeile enden auf „Meere“ und „sehre“, die zweite und vierte auf „bang“ und „Untergang“; in der zweiten Strophe reimen sich „munter“ und „unter“ sowie „Stück“ und „zurück“. Diese einfache, fast singende Bewegung erzeugt Leichtigkeit, die zur Schwere des Seufzens in Spannung steht. Auch die Schreibungen „am Meere“, „sehre“ und „seyn“ geben dem Gedicht ein älteres, liedhaftes Kolorit. Ein Enjambement zwischen dritter und vierter Zeile schießt die Nennung des Auslösers hinaus: Erst am Strophenende wird sichtbar, was das Fräulein so rührt – der Sonnenuntergang.
Die Bildwelt der ersten Strophe ist ganz romantisch: Meer, Abendrot, eine empfindsame junge Frau, Seufzer, Rührung. Wörter wie „bang“, „sehre“ und „rührte“ malen ein intensives Gefühl, das vom Naturschauspiel ausgelöst wird. Der bestimmte Artikel in „Das Fräulein“ macht die Figur zudem zu einer typischen Erscheinung, nicht zu einer individuellen Person. Dann nimmt der Sprecher das Wort „Sonnenuntergang“ wörtlich. Er macht aus dem kosmischen Vorgang ein Bühnenstück: „Hier vorne geht sie unter / Und kehrt von hinten zurück.“ Das ist eine fast kindliche räumliche Beschreibung, als träte die Sonne vorn ab und käme hinter der Bühne wieder herein. Entscheidend ist das Wort „Stück“: Es meint sowohl Theaterstück als auch eine bekannte Angelegenheit. Ein „altes Stück“ ist etwas Abgespieltes, Wiederholbares, kein einzigartiges Wunder.
Darin liegt die eigentliche Pointe. Der Sprecher tröstet nicht, indem er das Gefühl ernst nimmt oder deutet, sondern indem er es entzaubert. Sein „seyn Sie munter“ klingt freundlich, aber auch etwas herablassend. Die Anrede „Mein Fräulein!“ eröffnet eine gutgemeinte Belehrung, und der Wechsel von der Erzählung in die direkte Anrede durchbricht die stille Abendstimmung. So wird die erhabene Naturstimmung nicht geleugnet, aber als naiv vorgeführt. Das Fräulein seufzt über etwas, das so verlässlich wiederkehrt wie ein eingeübter Theaterabend.
Bedeutsam ist das kleine Gedicht, weil es zeigt, wie Heine mit romantischen Motiven umgeht. Er ruft sie auf, um sie mit einem einzigen Satz zu durchkreuzen. Die erste Strophe baut eine zarte Szene auf, die zweite beantwortet sie mit einer pointierten Antiklimax. Dieser Bruch zwischen Ergriffenheit und Witz ist typisch für Heines Verfahren, Gefühle zugleich ernst und ironisch zu spiegeln. Zugleich bleibt eine leise Unsicherheit, ob die nüchterne Erklärung wirklich ausreicht. Dass die Sonne „von hinten“ zurückkehrt, ist sachlich richtig und doch merkwürdig bildhaft. Vielleicht tröstet das alte Stück das Fräulein nicht wirklich; es zeigt nur, dass ihr Gefühl in den Augen des Sprechers eine bekannte Reaktion ist. Genau diese Spannung zwischen erlebtem Gefühl und kalter Wiederholung macht den Text bis heute lebendig.