Kurt Tucholskys «Ideal und Wirklichkeit» klingt wie ein sarkastischer Chanson: Drei Strophen lang wiederholt sich dasselbe Muster, und am Ende jeder Strophe steht ein resigniertes Achselzucken. In stiller Nacht und monogamen Betten denkt sich ein Du aus, was ihm am Leben fehlt; die Nerven knistern vor Sehnsucht. Doch kaum wird die Fantasie konkret, schlägt die Wirklichkeit in ihr Gegenteil um. Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke – Ssälawih. Der Kontrast ist absichtlich derb, fast zynisch. Er benennt aber mehr als eine erotische Enttäuschung: Er macht aus dem Abstand zwischen Wunschbild und Wirklichkeit eine komische Formel.
Schon die erste Strophe zeigt, wie sehr das Ideal ein Produkt des Kopfes ist. Es ist nicht eine bestimmte Frau, die fehlt, sondern „was dir am Leben fehlt“. Im „Gedankengange“ wird das Gewünschte präpariert wie ein Präparat, sauber und wirklichkeitsfern. Die Wendung „nachher kriegst dus nie“ holt den hohen Anspruch sofort in die Umgangssprache herunter. „Monogamen Betten“ sind dabei kein Ort der Nähe, sondern der stillen, ordentlichen Langeweile – ein Detail, das die Szene ironisch einfärbt.
Die zweite Strophe beschreibt das Wunschbild genauer: groß, blond, biegsam „wie in einem Kugellager“, hauchdünn an der Grenze zur Magerkeit, mit Haaren, in denen man sich sonnen kann. Das technische Bild des Kugellagers ist bezeichnend: Die ideale Frau bewegt sich reibungslos, fast maschinell; sie ist keine Person, sondern eine Konstruktion. Dann folgt jedoch eine entscheidende Wendung: „Nachher erliegst du dem verfluchten Hange, der Eile und der Phantasie.“ Hier macht das Gedicht nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch das träumende Ich verantwortlich. Die Enttäuschung entsteht nicht allein, weil die Welt zu wenig bietet, sondern weil Ungeduld und überhitzte Einbildungskraft das Bild verzerren.
In der dritten Strophe weitet sich der Blick. Plötzlich geht es um eine helle Pfeife, die es nicht gibt, um das morgendliche Dauerlaufen, das nie stattfindet. Das „Beinah … beinah …“ ist die kleine Schwester des großen Scheiterns. Dann springt das Gedicht ins Politische: „Wir dachten unter kaiserlichem Zwange / an eine Republik – und nun ists die –!“ Was privat als erotischer Witz begann, wird zur Abrechnung mit einer enttäuschten Gesellschaft. Die Republik, die man sich ersehnt hat, ist da – aber sie ist keine makellose „große Lange“, sondern eher eine „kleine Dicke“. Der Text sehnt sich nicht in das Kaiserreich zurück; er hält fest, dass auch eine ersehnte Staatsform nicht automatisch alle hochgesteckten Erwartungen erfüllt.
Die Form unterstreicht diesen Rhythmus aus Aufschwung und Fall. Drei Strophen mit je neun Zeilen entfalten zuerst das Ideal, dann die Krise, dann den Refrain. Reime wie „Betten“ und „hätten“, „Hange“ und „Lange“ oder „die“ und „Ssälawih“ geben dem Text einen liedhaften, fast kabarettistischen Schwung. Der Schluss jeder Strophe ist kurz und abgehackt: Auf die lange Reihe der Wünsche folgt ein einzelnes Seufzerwort, das eingedeutschte französische „c’est la vie“. Gerade diese Mischung aus literarischer Eleganz, Umgangssprache und grober Körperlichkeit macht das Gedicht bedeutsam: Es verwandelt politische Ernüchterung in einen Witz, den man sofort versteht, und verhindert zugleich jedes Pathos. Der Leser lacht, aber das Lachen bleibt ihm im Hals stecken.