Drei Strophen genügen Wilhelm Busch, um eine ganze Liebesgeschichte vom ersten Erbleichen bis zur Morgenszene am Frühstückstisch zu erzählen. Die Liebe, so heißt es, „war nicht geringe“ – die doppelte Verneinung lässt aufhorchen, denn sie klingt beinahe nach einer Rechtfertigung. Die Liebenden wurden „ordentlich blaß“: Ausgerechnet das Adverb der bürgerlichen Tugend beschreibt den körperlichen Ausdruck der Leidenschaft. Sie sagten sich „tausend Dinge“ und wussten „noch immer was“; das Gespräch scheint unerschöpflich. Dann das lange Quälen, das schließlich zur Ehe führt: „Jetzt haben die Seelen Ruh.“ Wer hier ein hohes Glück erwartet, wird in der dritten Strophe mit einem stillen Alltagsbild überrascht. Der Erzählton bleibt dabei merkwürdig unbeteiligt, fast protokollartig, und gerade diese Trockenheit erzeugt die Komik.
Die Form unterstützt diesen Eindruck: drei Strophen zu je vier Versen, Kreuzreime, ein jambischer Tonfall, der an Volkslied und Bänkelgesang erinnert. Auf „geringe“ reimt sich „Dinge“, auf „blaß“ das unscheinbare „was“; „quälen“ bindet sich an „vermählen“, und am Ende stehen „Bereitung“ und „Zeitung“ nebeneinander. Dieser rhythmische Gleichklang erzeugt eine fast behäbige Ordnung, in die das große Gefühl mündet. Auffällig ist, wie die Sprache der Liebe selbst bereits bürgerlich eingefärbt ist: „ordentlich blaß“, „mußten sich lange quälen“, „konnten sich vermählen“ – nirgends glüht es, alles vollzieht sich in geregelten Bahnen. Auch die Zeitformen verraten die Abfolge: Die Liebesqualen stehen im Imperfekt, die Ehe hat Perfekt und Präsens erreicht; der Alltag der dritten Strophe spielt in der Gegenwart und bleibt dort.
Die dritte Strophe beginnt mit einem sprachlichen Fundstück: „Bei eines Strumpfes Bereitung“. Statt einfach zu sagen, dass die Frau einen Strumpf strickt, wählt Busch eine fast amtliche Formulierung, die den alltäglichen Vorgang feierlich verfremdet und zugleich komisch wirken lässt. Sie sitzt dabei „im Morgenhabit“, also im häuslichen Morgenkleid, während er in der „Kölnischen Zeitung“ liest und ihr „das Nötige mitteilt“. Die Kommunikation, die einst in „tausend Dingen“ bestand, ist auf Zeitungsnachrichten zusammengeschrumpft. Aus dem endlosen Gespräch der Liebenden ist eine Einbahnstraße geworden: Er informiert, sie empfängt. Was „nötig“ ist, bestimmt nicht mehr das Gefühl, sondern die Zeitung. Das Wort „Ruhe“ aus der zweiten Strophe erhält so einen doppelten Klang: Seelenfrieden oder Stillstand, Erfüllung oder Ermattung.
Die Ironie des Gedichts liegt in diesem jähen Registerwechsel. Die erste Strophe spricht noch die Sprache des Liebesromans, die zweite die des bürgerlichen Lebenslaufs, die dritte die des Genrebildes. Busch verurteilt diesen Wandel nicht; er beobachtet ihn lakonisch und überlässt das Urteil dem Leser. Gerade die dritte Strophe mit ihren konkreten Requisiten – Strumpf, Morgenhabit, Kölnische Zeitung – wirkt so unsentimental, dass sie fast zärtlich erscheinen könnte. Die große Liebe wird nicht zerstört, sie wird häuslich. Und vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe: Wer genau hinsieht, erkennt in dieser stillen Szene noch die Spuren der einstigen Leidenschaft – nur eben „ordentlich“ geworden.