Überall, wo etwas geschah, war er dabei – so klingt es zunächst wie eine warmherzige Würdigung. Ein Mann wird gepriesen, der „unentbehrlich“ war, tätig für das Wohl der Gemeinde, stets präsent. Doch der Ton ist von Anfang an ein wenig zu voll, das Lob ein wenig zu pauschal. Spätestens mit der letzten Zeile kippt die scheinbare Huldigung in eine ironische Demaskierung: „Gestern, als sie ihn begruben, / War er richtig auch dabei.“ Dass ein Verstorbener bei seiner eigenen Beerdigung anwesend ist, ist keine Leistung, sondern eine Binsenweisheit. Genau darin liegt die Pointe: Die Unentbehrlichkeit des Mannes bestand offenbar nur in seiner körperlichen Anwesenheit, und selbst der Tod ändert daran nichts.
Wilhelm Busch, der als Meister des trockenen, entlarvenden Humors bekannt ist, baut das Gedicht aus drei unscheinbaren Vierzeilern. Der Rhythmus ist volksliedhaft und gleichmäßig, meist mit vier Hebungen, die Verse gleiten rasch dahin. Nur die zweite und vierte Zeile jeder Strophe reimen sich in einfachen, oft einsilbigen Reimwörtern wie „geschah“ auf „da“ oder „frei“ auf „dabei“. Diese Schlichtheit wirkt absichtsvoll: Der Text gibt sich als naives Lobgedicht, als Gelegenheitsverse, fast als Reimerei aus dem Vereinsleben. Gerade dadurch wird die spätere Pointe umso trockener. Die Form scheint harmlos, aber die letzte Zeile sitzt wie ein kleiner Stich.
Auffällig ist die Aufzählung in der zweiten Strophe: „Schützenfest, Kasinobälle, / Pferderennen, Preisgericht, / Liedertafel, Spritzenprobe“. Gleich sechs substantivische Begriffe werden ohne Artikel aneinandergereiht, ein staccatoartiger Terminkalender aus bürgerlich-ländlicher Festkultur. Diese Begriffe sind sehr konkret und zugleich typisch: Es geht um Geselligkeit, Repräsentation, Vereinsroutine, nicht um moralische oder politische Verdienste. Das „Wohl der Gemeinde“ aus der ersten Strophe wird durch diese Liste ironisch entlarvt – es besteht aus Festen, Bällen und Proben. Die Formelhaftigkeit des Ausdrucks „Zu dem Wohle der Gemeinde“ steht in reizvollem Kontrast zu der umgangssprachlichen Wendung „wo was geschah“. Hoher Anspruch und banale Wirklichkeit prallen aufeinander.
Das Leitwort „unentbehrlich“ ist von Beginn an mit Übertreibung aufgeladen. Ebenso wichtig sind die Wiederholungen, die den Alltag des Gefeierten als ununterbrochene Kette von Verpflichtungen erscheinen lassen: „Er war tätig, er war da“, „Ohne ihn da ging es nicht“, „Ohne ihn war nichts zu machen“. Die anaphorische Wiederholung von „Ohne ihn“ wirkt wie eine eingeübte Dankesformel und steigert die Erwartung ins Groteske. Dabei hält der Text den Ton einer Rede oder eines Nachrufs durch, bis zur Schlusszeile: „War er richtig auch dabei.“ Das Adverb „richtig“ ist hier besonders entlarvend – es klingt mündlich, beinahe anerkennend, als hätte der Mann auch bei seinem Begräbnis einen Termin zuverlässig wahrgenommen. „Auch“ signalisiert: wie immer. Die Formel wird zum Witz, weil sie wörtlich wahr und zugleich völlig absurd ist.
Die Bedeutung des Gedichts liegt nicht in einer dramatischen Botschaft, sondern in dieser präzisen, beiläufigen Entlarvung. Busch zeigt eine Figur, deren Existenz sich in öffentlicher Aktivität erschöpft; der Wert eines Menschen wird an seiner bloßen Anwesenheit gemessen. Der „unentbehrliche“ Bürger ist hier einer, der keine freie Stunde hat, dessen Bedeutung aber mit dem Sarg endet – beziehungsweise eben nicht endet, weil er auch da noch „dabei“ ist. Das ist weniger böse als melancholisch-komisch: Die Unentbehrlichkeit erweist sich als hohle soziale Rolle. Gerade in den stereotypen Vereins- und Festanlässen steckt eine Zeitkritik, die bis heute funktioniert. Der Typus des unentbehrlichen Organisators, der überall gesehen werden muss, ist nicht verschwunden. Das kurze Gedicht ist ein Beispiel für Buschs Kunst, mit einfachsten Mitteln – Aufzählung, Wiederholung, einem einzigen überraschenden Schlussreim – eine ganze Charakterstudie und ein Stück Gesellschaftssatire zu liefern. Der Witz ist dabei nie laut; er liegt in der leichten Übertreibung, die plötzlich umschlägt und die hohle Formel sichtbar macht.