Palmström ist bei Christian Morgenstern eine komische Figur: ein älterer, pedantischer Herr, dessen Abenteuer meist um Ordnung, Sprache und Logik kreisen. In „Die unmögliche Tatsache“ wird er an einer „Straßenbeuge“ von einem „Kraftfahrzeuge“ überfahren – und steht auf. Nicht der Schmerz beschäftigt ihn, sondern die Frage, ob dieser Unfall rechtlich überhaupt hätte passieren dürfen. Was ihn trifft, ist weniger das Auto als der Widerspruch zwischen Erfahrung und Vorschrift. Der Titel macht daraus ein Paradox: Eine Tatsache ist wirklich, und was wirklich ist, kann nicht unmöglich sein.
Der Ton ist von Anfang an komisch-bürokratisch. „Kraftfahrzeuge“ reimt sich schwerfällig auf „Straßenbeuge“; das klingt wie ein Aktenvermerk. Palmström fragt nicht nach dem Fahrer oder nach seinem eigenen Zustand, sondern danach, ob die „Staatskunst“ anzuklagen sei, ob die „Polizeivorschrift“ dem Fahrer „freie Trift“ gab oder ob es verboten war, „Lebendige zu Toten umzuwandeln“. Der Tod steckt in einer amtlichen Formulierung, das Überfahren wird zum Verwaltungsvorgang. Auffällig ist die Kette von Abstrakta: Staatskunst, Polizeivorschrift, Gesetzesbücher. Palmström denkt nicht in Personen, sondern in Institutionen. Sogar das Wort „Kutscher“ taucht auf, obwohl von einem Kraftfahrzeug die Rede ist; es klingt nach Pferd und Wagen und zeigt, dass seine Sprache der modernen Wirklichkeit hinterherhinkt.
Auch die wörtliche Rede stolpert: „Wie war ... möglich, wie dies Unglück, ja –: daß es überhaupt geschah?“ Der Satz bricht ab, schiebt ein „ja –“ ein, als müsse Palmström sich selbst versichern. Formal lebt das Gedicht von trochäischen Vierhebern und Paarreimen, die alles in einen liedhaften Singsang verwandeln. Die erste Strophe umschließt den Reim noch kreisförmig: „Jahren“ und „überfahren“ rahmen „Straßenbeuge“ und „Kraftfahrzeuge“. Danach gleiten die Verse in einprägsame Reimpaare wie „Eingehüllt in feuchte Tücher, / prüft er die Gesetzesbücher“. Die „feuchten Tücher“ sind ein komisches Bild zwischen Wadenwickel und Erste-Hilfe-Maßnahme; ausgerechnet so eingewickelt wälzt der Verletzte Paragraphen. Nur die kurze Zeile „überfahren“ fällt aus dem metrischen Rahmen und bringt das Geschehen hart auf den Punkt, bevor Palmström es sofort zerredet. Reimwörter wie „Ergebnis/Erlebnis“ und „messerscharf/darf“ treiben direkt in die Pointe.
Palmström findet heraus, dass an der Straßenbeuge Wagen nicht fahren durften. Daraus zieht er den Schluss: Wenn dort kein Wagen fahren durfte, kann auch keiner gefahren sein; also war das Erlebnis nur ein Traum. Die letzte Zeile „nicht sein kann, was nicht sein darf“ ist die messerscharfe Umkehrung jedes Erfahrungswissens. Normalerweise gilt: Was nicht sein darf, kann trotzdem geschehen; genau darauf beruht die Unterscheidung von Recht und Wirklichkeit. Palmström dagegen ordnet das Können dem Dürfen unter. Was verboten ist, wird nicht als Regelverstoß betrachtet, sondern als unmöglich erklärt. Die Wirklichkeit muss sich dem Gesetz fügen, nicht umgekehrt.
Darin liegt die satirische Spitze gegen blinde Regelgläubigkeit und gegen eine Weltsicht, die alles durch Vorschriften und Systeme ordnen will. Palmström opfert lieber seine eigene Wahrnehmung als die Ordnung. Zugleich steckt ein ernsterer Gedanke darin: Menschen neigen dazu, beängstigende oder chaotische Erfahrungen in Traum und Einbildung umzudeuten, wenn sie mit ihrem Weltbild unvereinbar sind. Palmström tut das mit der Präzision eines Juristen und der Sturheit eines Phantasten. Gerade weil er so vernünftig klingt, wird die Verdrängung sichtbar. Das Gedicht zeigt, wie verführerisch es ist, widersprüchliche Wirklichkeiten für unwirklich zu erklären. Die scheinbar harmlose Komik hat deshalb einen doppelten Boden: Sie führt eine Denkhaltung vor, die Normen für mächtiger hält als Tatsachen.